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Comeback:Totgeglaubte rocken länger

S2, Band aus Hebertshausen

Zurück vom Abstellgleis: Christian Riedlberger (Gitarre und Background-Gesang), Wolfgang Wackerl (Gesang und Gitarre), Andreas Schaller (Bass und Keyboard) und Thomas Probst (Schlagzeug) haben sich am Musikbahnhof "Annahütte" neu erfunden und sind mit ihrem neuen Projekt "S2" unterwegs, um neue Fans einzusammeln.

(Foto: privat)

In den Neunzigern sorgte die Crossover-Band "The Patched Up Socks" für Partystimmung in Hebertshausen. 22 Jahre später wagen vier der Musiker ein Comeback als "S2". Am Freitag gibt es ihre ersten Songs - im Internet und in der örtlichen Bäckerei

Von Daniel Beckord, Hebertshausen

Vom Punk mal abgesehen wurde wohl kaum ein Genre so vehement und oft für tot erklärt wie der Rock. Gleichzeitig feierte kein anderes Genre so häufig die eigene Auferstehung. Bemerkenswert ist es, wenn eine totgeglaubte Band nach 22 Jahren Funkstille sich auf einmal wieder mit neuen Liedern an die Öffentlichkeit wagt wie jetzt die ehemalige Hebertshausener Folk-Rock-Crossover-Band The Patched Up Socks. Sie feiert ihr Comeback mit fünf neuen Songs. Die vier noch verbliebenen Mitglieder Wolfgang Wackerl (Gesang und Gitarre, 48), Thomas Probst (Schlagzeug, 46), Andreas Schaller (Bass und Keyboard, 48) und Christian Riedlberger (Gitarre und Background-Gesang, 44) lassen dabei allerdings ihre musikalische Vergangenheit hinter sich.

Die Band entstand um 1993 aus einem musikalischen Projekt unter Freunden. "Man hat nicht geschaut, wer was konnte, sondern mit wem man spielen will", erzählt Wolfgang Wackerl. Zum Proben diente ein umgebauter Schweinestall in Hebertshausen, der die Zeit aber nicht überdauert hat. Die Instrumente lernten sie während des Jammens im Stall. "Gestartet ohne große Erfahrung", sagt Wackerl. Wert wurde vor allem darauf gelegt, ehrliche Live-Musik zu machen, die Leute auf dem Dorf verbindet und zum Mitsingen anregt, egal, ob jung oder alt.

Auch nachdem sich die Band 1998 auflöste, blieben die vier Jungs eng befreundet und spielten im Privaten zu manch einer Gelegenheit ihre alten Lieder. "Wir fühlten uns manchmal wie unsere eigene Coverband", erzählt Wackerl. Mit diesem Gefühl wuchs in ihnen der Wunsch, neues Material aufzunehmen - unter dem neuen Bandnamen S2, nach der S-Bahn-Linie, die das kleine Hebertshausen ans große München anbindet. Doch nicht nur der Name hat sich verändert. "Wir sind mittlerweile alle etwas älter geworden, und uns hat es in alle Himmelsrichtungen verschlagen", sagt Wackerl. Die Mitglieder leben nicht mehr in einem Dorf und aus den ursprünglich sieben Musikern wurden vier. Im August dieses Jahres gingen die vier in die Ferne nach Brandenburg und versammelten sich in der Abgeschiedenheit des es Musikbahnhofs Annahütte, eines ehemaligen Bahnhofs, der zu einem Aufnahmestudio umgebaut wurde. "Man hat sich entfernen müssen", erklärt Wackerl. Dort lief es ähnlich wie in ihrem im alten Probenraum, man traf sich und spielte einfach drauf los. Damals hatten sie auch nicht mehr als ein paar Riffs und Ideen im Gepäck gehabt. Und auch dieses Mal wurden die Lieder selbst erst vor Ort geschrieben und das Rohmaterial aufgenommen. In nur vier Tagen entstanden fünf Songs für ihre am Freitag erscheinende CD. Der Musikbahnhof war wichtig für den Entstehungsprozess. Thomas Probst sagt dazu: "Die Abgeschiedenheit und die kreative Atmosphäre haben uns als Gruppe beflügelt". Den finalen Schliff verpasste dem Werk Tontechniker Mikey Wenzel, ein guter alter Bekann- ter aus der Frühzeit in den Neunzigern.

Musikalisch hat sich S2 auf nur vier Instrumente reduziert, und auch der kurze Entstehungsprozess trägt zu einem rauen und rockigen Sound bei. Der ehemals mehrsprachige Stil wurde zu Post-Rock mit rein deutschen Lyrics, dessen Riffs sich manchmal auch in härtere Bereiche vorwagen. Wackerl ist sich sicher: die Musik solle nicht virtuos sein, sondern einfach ehrlich. So ehrlich wie früher, allerdings mit dem Wandel der Themen, die das Älterwerden so mit sich bringt. Zum Teil mit der jugendlichen Wucht des Punk richtet sich das Lied "Kresse" gegen den seit Jahren anhaltenden Populismus in der Gesellschaft: "Kann eure Lügen nicht mehr ertragen / Weil ihr alles wisst ohne zu fragen / Verkriecht euch hinter euren Sofa / Doch anonym sprecht ihr überall mit." Und vertreten deutlich ihre Meinung: "Eure Parolen gehen mir auf den Sack". Aber auch der reife und melancholische Blick zurück auf die Jugend und damit eine kleine Spur Nostalgie werden thematisiert.

Die fünf Songs erscheinen an diesem Freitag, 18. Dezember, unter dem rudimentären Titel "'Diese Welt langsam Zirkus" online auf ihrer Bandcamp-Seite s2music.bandcamp.com. Sie können aber auch analog als CD in der Bäckerei Obeser in Hebertshausen erworben werden. Der Name des Albums bezieht sich auf einen Satz, den Wackerl vor 30 Jahren während seiner Ausbildungszeit von einem Bauarbeiter aufgeschnappt hat.

Die vier Freunde haben ihre Lust am gemeinsamen Musizieren wieder entdeckt und wollen schon nächstes Jahr weitere fünf Songs aufnehmen. Für 2022 können sie sich wieder Live-Auftritte vorstellen in der Hoffnung, mit ihrer neuen Musik die alten und neuen Fans wieder zu begeistern und zum Mitsingen zu animieren.

© SZ vom 17.12.2020
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