Bundesverdienstkreuz für Bruno Schachtner Krönung eines Lebenswerks

Als junger Mann reiste Bruno Schachtner nach Paraguay und war begeistert von der Herzlichkeit der Südamerikaner. Über Jahrzehnte baute der Grafiker einen intensiven Austausch auf, der auch Dachaus Kunstszene bereicherte. Nun wird er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt

Von Christiane Bracht, Dachau

Bruno Schachtner ist irritiert. "Ich dachte erst, es ist eine Fake News - ein Spassettl, wie man auf bairisch sagt." Soeben hat Schachtner vom deutschen Botschafter in Paraguay, Claudio Fischbach, erfahren, dass er das Bundesverdienstkreuz bekommen soll. Am 22. März in Asunción, der Hauptstadt von Paraguay. Schachtner ist sprachlos - und ungläubig zugleich. "Andererseits: Wir haben eine ganze Menge gemacht", fällt ihm ein. Workshops und Kunstausstellungen, Musikkonzerte, Fußballspiele, Schulprojekte, aber auch der Bau einer Solaranlage und die Finanzierung eines Kindergartens. Auf seine Initiative hin und die seiner Frau Gisela ist in den vergangenen 40 Jahren ein reger Austausch zwischen Dachau und Paraguay entstanden. 2009 gipfelte dies in einer offiziellen Freundschaft, die die Bürgermeister von Dachau und Areguá mit einer Urkunde besiegelten.

Doch warum hat der Schachtner gerade Paraguay gewählt? Das Land ist schließlich nicht die erste Adresse, wenn es um Kunst und Kultur geht. Noch dazu liegt es weit mehr als 10 000 Kilometer entfernt, Luftlinie. Die politischen Verhältnisse gelten als schwierig. Korruption ist weit verbreitet. Doch Schachtner hat eine ganz persönliche Bindung zu dem südamerikanischen Land: Seine Frau Gisela ist deutschstämmige Paraguayerin. Er lernte sie in den 1960er Jahren in der Hauptstadt Asunción kennen. Eine Zeit, an die er sich gerne zurückerinnert.

In jungen Jahren wollte der Dachauer den Duft der weiten Welt schnuppern. Er bewarb sich als Entwicklungshelfer, lernte Spanisch und wurde nach Paraguay geschickt. In einer Druckerei der Salesianer brachte der gelernte Schriftsetzer fortan jungen Männern sein Handwerk bei. Die Annehmlichkeiten, die er von zu Hause kannte, vermisste er schmerzlich: Es gab kein Telefon, die Post war wochenlang unterwegs, das Heimweh nagte manchmal heftig an ihm, und er musste mit 150 Mark im Monat auskommen. "Ich habe alle Phasen mitgemacht", sagt der 77-Jährige. "Aber es war eine wertvolle Zeit. Es darf nicht immer alles gut gehen und schön sein." In Paraguay warteten auch Chancen auf ihn. Er konnte sich in diesen drei Jahren technisch weiterentwickeln, Zeitschriften layouten und sich als Grafiker etablieren. Er bekam Kontakt zu anderen Künstlern und machte schließlich 1967 seine erste Ausstellung mit Typografiken im Museo de Arte Moderno zusammen mit Berufsschülern. Ein Jahr später ging er zurück nach Deutschland - verheiratet mit Gisela.

Auch bei seinen Vorträgen über gemeinsame Projekte mit den Freunden aus Paraguay merkt man Bruno Schachtner die Begeisterung an.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Kapitel Paraguay war für ihn damit keinesfalls beendet. Immer wieder kehrte das Paar nach Asunción und Areguá zurück, die Freundschaften intensivierten sich im Laufe der Jahre sogar noch. Schließlich kam Schachtner auf die Idee, einen Austausch zu initiieren. Die Künstler hüben wie drüben waren begeistert. Es sollte aber nicht nur ein gegenseitiges Zeigen der Bilder werden und schon gar nicht eine Art "Entwicklungshilfe von oben herab". "Ich wollte, dass man etwas voneinander lernt", erklärt Schachtner, der damals als selbständiger Grafiker in Dachau arbeitete. Für ihn war Paraguay nicht das unterlegene arme Land, dem man dringend unter die Arme greifen muss, damit es wieder auf die Füße kommt. Die Freundlichkeit und Neugier der Menschen in Südamerika hatte ihn mächtig beeindruckt. Auch der Umgang miteinander, die Höflichkeit und Hilfsbereitschaft. "Da können wir viel lernen", erkannte er. "Wir sind arm, weil wir reich sind", davon ist er noch heute überzeugt. In Paraguay schauten die Leute viel mehr aufeinander, während hier mancher in absoluter Einsamkeit vor sich hinlebe. "Wir haben wesentliche Dinge vergessen", beklagt der Grafiker.

Der intensive Kunstaustausch begann zaghaft. 1988 stellten erstmals Künstler aus Paraguay zeitgenössischer Druckgrafiken in Dachau aus - eine Hommage an Livio Abramo, der in Asunción lebte und arbeitete. Schachtner war die treibende Kraft dahinter. Als Mitglied der Künstlervereinigung Dachau, des Kunstbetriebs und der "Gruppe D" hatte er sich in der örtlichen Kunstszene längst einen Namen gemacht. Zwei Jahre später flogen auf seine Initiative hin die ersten sieben Dachauer nach Asunción. Sie arbeiteten gemeinsam mit paraguayschen Künstlern in deren Ateliers. Klaus Herbrich fertigte dort seine Skulptur "Zeitabschnitt, Espacio del Tiempo", die der damalige Botschaftssprecher von Washington später kaufte. Höhepunkt des Künstlerworkshops war die Ausstellung im Museo de Bellas Artes. Die sieben Dachauer waren so begeistert von diesem Konzept und dem daraus resultierenden Dialog, dass sie es beibehielten. Etwa ein dutzend Mal organisierte Bruno Schachtner in der Folge derartige Arbeitsaufenthalte, mal in Dachau, mal in Asunción. Die Kontakte wurden enger, weiteten sich aus. Es entstanden auch persönliche Freundschaften. Nahezu jedes Jahr gab es Besuche. Immer wieder kamen auch einzelne Künstler wie der Fotograph Jorge Sáenz, der vier Wochen in Dachau arbeitete, unter anderem mit dem Foto-Club.

Ein besonderer Höhepunkt des Künstleraustauschs mit Paraguay war die internationale Ausstellung "Dachau '95" aus Anlass des 50. Jahrestags der Befreiung des KZs. Der mittlerweile verstorbene Bildhauer Hermann Guggiari aus Asunción fertigte dafür zusammen mit Dachauer Kollegen die große Skulptur "Vereinte Nationen", die noch heute am Parkplatzeingang der Gedenkstätte steht. Er hoffte immer, dass vielleicht eines Tages Tauben in den Einschusslöchern nisten würden, als Symbol, um die Verletzungen zu überwinden. Gerade dieses Projekt hat den freundschaftlichen Beziehungen offenbar einen besonderen Impuls gegeben. Es hat die Kunstszene in Dachau internationaler werden lassen.

Ganz gleich, ob es um künstlerische Projekte, Sport-Events oder die Installation einer Solaranlage geht, beide Seiten können voneinander lernen. Die Dachauer vielleicht sogar mehr als die Südamerikaner.

(Foto: Privat)

Schachtner wollte den Austausch mit Paraguay nicht allein auf die Kunst beschränken, schließlich war er immer auch ein politischer Mensch, agierte einige Jahre im Stadtrat und in Bürgerinitiativen, kümmerte sich als Kulturreferent auch viel um Zeitgeschichte. Und so wurden die Projekte, die er in und mit den Südamerikanern anstieß, immer vielfältiger. Vor allem die Jugend lag ihm am Herzen. Das Ehepaar Schachtner hatte offene Türen und nahm zum Beispiel den damals 17-jährigen Fußballer Roque Santa Cruz bei sich auf, während er beim FC Bayern spielte, und bot ihm eine Ersatzheimat. Außerdem organisierte der frühere Stadtrat anlässlich des 100-jährigen Bestehens des ASV Dachau, dass im Sommer 2008 eine Fußballmannschaft aus Paraguay zum Turnier kommen konnte. Alle Teilnehmer waren unter 17. Sie brachten die deutschen Jugendlichen mächtig ins Schwitzen mit ihrem rasanten Spiel und gewannen am Ende den Pokal.

Schachtner initiierte auch einige Schulprojekte, natürlich keine gegenseitigen Besuche. "Das wäre viel zu teuer gewesen", erklärt er. Doch Projekte wie "Dein und mein Motiv auf einem Tuch" waren 2010 ein echter Erfolg. Schulklassen aus Dachau, Haimhausen, Erdweg und Odelzhausen von der vierten bis sechsten Jahrgangsstufe gestalteten Quadrate, ebenso beteiligten sich paraguaysche Schulen. Das Tuch wurde hin und hergeschickt bis es schließlich ein großes, buntes Kunstwerk entstand. "Die Kinder waren begeistert, die Lehrer auch", sagt Schachtner grinsend.

Viel Energie hat der Grafikdesigner auch in den Bau eines Solarturms in Areguá gesteckt. Kinder und Jugendlichen gestalteten ihn zusammen mit einigen Künstlern, indem sie ihre Werke in die Mauern integrierten. Areguá ist eine alte Keramikerstadt, daran sollte der Turm erinnern, so Schachtner. Außerdem sollte die Kunst Türen öffnen, "zur gegenseitigen Kommunikation und dem gegenseitigen Lernen". Oben auf dem Turm installierte der Markt Indersdorfer Solarexperte Wilhelm Kirchensteiner einen Sonnenkollektor, um Strom für LED-Leuchten zu gewinnen. Zwei Jahre später wurde ein zweiter Turm gebaut, um einen Sportplatz zu beleuchten und eine Wasserpumpe zu betreiben. Kirchensteiner hat sein Wissen über Fotovoltaikanlagen dort weitergegeben - ein Stück Energiewende im sonnenverwöhnten Paraguay.

Ein Plakat aus der Sammlung von Bruno Schachtner.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auch die Unterstützung des Kindergartens "Cynthia Espinoza" mit Spendengeldern aus Dachau gehört zu den großen Projekten der Freundschaft. "Ich hoffe immer, etwas Sinnvolles machen zu können. Das wird auch die Herausforderung der Zukunft sein", sagt Schachtner. Doch ganz einfach sei ist es nicht. Das hat der Dachauer schon oft erfahren müssen. Leute für etwas zu gewinnen, sie neugierig zu machen, ist der einfachere Teil, aber auch da müsse man manchmal hartnäckig sein. "Und ich kann lästig sein", sagt er grinsend.

Schwieriger werde es, wenn es ans Arbeiten geht, da springen die meisten ab. "Ich war schon oft kurz davor, alles hinzuwerfen", gibt Schachtner zu. "Es ist mühsam, aber ich gebe keine Ruhe." Seine Frau habe ihn immer unterstützt, war bei allem dabei und habe viel ertragen müssen. "Es ist schade, dass sie nicht geehrt wird", sagt er. Dennoch freut er sich über das Bundesverdienstkreuz. Es ist so etwas wie die Krönung seines Lebenswerks. Obwohl er sich auch bewusst ist, dass all die Projekte nur mit Hilfe und großem Engagement anderer möglich waren. "Es ist eine Auszeichnung für alle drum herum", sagt Schachtner. "Denn allein macht man nix."

Doch was ist mit der Zukunft? Ist der Austausch so eng mit Schachtner als Person verknüpft, dass er endet, wenn er eines Tages nicht mehr so viel Energie hat? "Wir tun alles, damit es auch ohne uns weitergeht", versichert der Dachauer. Im übrigen habe er noch viele Ideen. "Sie springen mich einfach so an." Ihm schwebt beispielsweise eine Baumschule vor mit Blumen und Gemüse, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene gemeinsam betreiben sollen und so ihre Freizeit besser nutzen. Auf diese Weise hätten sie Freude und Gewinn, denn die Ernte könnten sie verkaufen.

Aber noch ist das eine Vision.