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Bühnenshow in Bergkirchen:Eingezwängt im Mini-Tanga

Hoftheater

"Den wohl letzten klassischen Striptease auf deutschem Boden" kündigt der Ansager (Ansgar Wilk) im Hoftheater an.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In "Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf" verheddert sich Ansgar Wilk am Hoftheater mit großartiger Spielfreude in Geschlechterrollen - die heute aber teilweise schon etwas überholt wirken

Es tritt auf: ein verlebter grauhaariger Mann im Glitzer-Smoking samt blütenweißem Biesen-Hemd mit Manschetten und Manschettenknöpfen. Dazu trägt er stilgerecht schwarze Socken und aus der Zeit gefallene Sockenhalter, die man aber erst später sehen wird, sowie auf Hochglanz polierte Lackschuhe. Geschmeidig umkreist er vor einem blutroten Glitzervorhang den Stuhl, setzt ein müdes Profilächeln auf, wie man es sonst nur noch von älteren sonnenbankgebräunten Herren in amerikanischen Late-Night-Shows kennt und begrüßt mit schleimiger Stimme sein Publikum: "Guten Abend, meine Damen und Herren, Sie sehen hier diesen gewöhnlichen Holzstuhl; er ist das einzige Requisit für den wohl letzten klassischen Striptease auf deutschem Boden, den anzusagen man sich nicht genieren muss. Uns alle erwartet eine Person, die es weder nötig hat, das Datum ihrer Geburt, noch den eigenen Namen zu ändern, die Sie getrost so nennen können, wie ihr Taufschein es vorsieht, nämlich Andrea ..." Aber wo bleibt Andrea? Das fragen sich die Besucher im Hoftheater Bergkirchen 70 spannende Minuten lang. Hier ist am Freitagabend Premiere von Bodo Kirchhoffs "Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf". Ansgar Wilk spielt unter der Regie von Ulrike Beckers, die auch für die Ausstattung zuständig ist, dieses "Solo für einen Herrendarsteller", wie es im Untertitel heißt.

Um es gleich vorwegzunehmen: Wilk gibt alles, verausgabt sich total - und bleibt doch immer Herr des abstrus-absurden, tragisch-komischen Geschehens. Das ist nur auf den ersten Blick leicht zu durchschauen. Vordergründig müht sich der Ansager in schier unendlichen Sprachwindungen, die Zeit bis zum Auftritt der sagenhaften Andrea zu verkürzen. Er gibt schon mal die eine oder andere Kostprobe von deren Können, wobei er sich schlangengleich auf und um den Stuhl windet und macht neugierig auf die zu erwartende Begleitmusik: "Nicht 'Fever', sondern Giuseppe Verdi". Das hätten Frau und Mann nur zu gerne erlebt. Aber es soll nicht sein.

Stattdessen gustieren sie die partiell durchaus nicht unerotischen Wortsezierereien, die Autor Kirchhoff seinem Ansager verordnet hat. Es geht unter anderem - wir befinden uns schließlich in einem Striplokal - um Haut, Schenkel, Schoß um "diese kleine knöpfchenartige Erhebung", vulgo Brustwarze, um den BH ("die vollendete Form im Buchstaben B, dann ein willkürliches Ausatmen: H") und um ein mysteriöses rotes Bändchen, das sich als Mini-Tanga entpuppt. Wie sich Ansager Wilk vollbekleidet in diesen hineinzwängt, ist eine echte Schau. Doch die Stimmung kippt: Aus dem Routinier wird ein Jammerlappen, voller Hass auf seine Mutter und mit reichlich "psychodramatischer Gruppenerfahrung". In der geschützten Gruppe kann er Nein sagen, im richtigen Leben nicht.

Volle Aufmerksamkeit seitens des Publikums ist gefordert, wenn der Ansager bewusst ambivalent "Andreas Auftritt" ankündigt, denn nun wird aus Andrea auch im Monolog Andreas - und es folgt eine Kirchhoffsche Suada über die drei Geschlechter "Frauen, Männer und Sportler". Hier könnte man dem Autor zugute halten, dass sein Werk bereits 1995 veröffentlicht worden ist. Da war der berüchtigte Paragraf 175, der schwule Männer zu potenziellen Straftätern machte, gerade mal ein Jahr abgeschafft - und vom dritten Geschlecht redete man nur hinter vorgehaltener Hand. Insofern ist Kirchhoffs Stück in etlichen Passagen glücklicherweise überholt. - Oder vielleicht doch nicht? Denn der Ansager wird zu Andrea, zu Andreas, zum Muttersöhnchen wie aus dem Bilderbuch und zum Stripper. Letztendlich weiß er nicht mehr, was oder wer er ist, so sehr hat er die Kunst der Verstellung in jeder Lebenslage verinnerlicht.

Wilk springt mit affenartiger Geschwindigkeit in Sprache, Duktus, Mimik und Gestik von einer Rolle in die andere - und bringt diese Zerrissenheit mit faszinierender Selbstverständlichkeit und Lust an der Übertreibung auf die Bühne. So lässt sich "Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf" nicht nur als ironischer Abgesang auf eine Unterhaltungsform sehen, die gerade als "Burlesque" fröhliche Auferstehung feiert. Das Stück kann auch als Aufruf verstanden werden, die eigene Identität zu suchen, zu finden und zu leben.

"Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf" mit Ansgar Wilk. Die nächste Vorstellung des Stücks im Hoftheater Bergkirchen gibt es am Freitag, 7. Februar, um 20 Uhr.

© SZ vom 30.01.2020
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