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Brauchtum im Landkreis:Liebesorakel mit Hühnerfeder

Viele alte Adventsbräuche im Dachauer Land drehen sich ums Anbandeln, wie die Kreisheimatpflegerin herausgefunden hat

Von Julia Putzger, Dachau

Weihnachten, das ist für viele eine Zeit der Besinnung, andere sprechen von einer Zeit der Dankbarkeit und wieder andere sehen Weihnachten als die Zeit der Stille. Auf die Idee, einen Stiefel zu werfen und aus der Richtung, in welche die Schuhspitze zeigt, den Partner fürs Leben zu erwarten, kämen heute aber wohl auch diejenigen nicht, für die Weihnachten das Fest der Liebe ist. In der Vergangenheit war dieser Liebesbrauch - neben einigen anderen - in der Vorweihnachtszeit zum Beispiel in Oberzeitlbach bei Altomünster aber durchaus üblich.

Kreisheimatpflegerin Birgitta Unger-Richter hat sich mit weihnachtlichen Liebesbräuchen im Landkreis beschäftigt und war, wie sie sagt, selbst überrascht von ihren Rechercheergebnissen. Ähnlich exotisch wie das Stiefelwerfen, das am Thomastag, also dem 21. Dezember, vorgesehen war, mutet etwa der Brauch an, anhand der Farbe einer Hühnerfeder die Haarfarbe des künftigen Liebsten auszumachen. Um an die weissagende Feder zu gelangen, sollten Mädchen in Großberghofen und Schluttenberg in den dunklen Hühnerstall gehen, und einer Henne eine Feder ausrupfen, schreibt Unger-Richter auf ihrem Blog. Des weiteren werde überliefert, dass aus dem Feuer gezogene Holzscheite etwas über die Statur des Liebhabers aussagen - groß oder klein, gerade oder krumm. Außerdem habe es den Glaube gegeben, dass der erste Bursche, dem ein Mädchen am Andreastag, dem 30. November, begegnete, ihr zukünftiger Mann werde. Denn der Heilige Andreas gilt als Patron der Liebenden und des Ehestandes.

Der Kuss unterm Mistelzweig soll die Küssenden durch ewige Liebe miteinander verbinden. Ob das klappt? Einfach selber ausprobieren.

(Foto: Imago stock&people)

Liebesbräuche gab und gibt es zwar nicht nur in der Vorweihnachtszeit, sondern über das ganze Jahr verteilt. "Die Adventszeit war aber schon immer eine Erwartungszeit", erklärt Unger-Richter. In dieser stillen Zeit häuften sich die sogenannten Lostage. "Heute kennen wir das Los nur noch als anderes Wort für Schicksal, als Lotto-Los oder potenzielles Ticket zum Reichtum in anderen Glücksspielzusammenhängen", erläutert Gerald Huber in seinem Buch "12 000 Jahre Weihnacht". Und es kommt nicht von ungefähr, dass hören im Althochdeutsche, genauso wie heute noch im Bairischen, losen oder lusen heißt. "Im Gehorchen, im Hören auf die innere, die göttliche Stimme und die Gebote, in der daraus folgenden Besonnenheit und dem Vertrauen darauf, dass schon alles recht werden wird", fanden die Menschen ihre Bestimmung .

Dass sich diese Lostage in der Vorweihnachtszeit häufen, hat auch einen ganz praktischen Grund. Zu dieser Jahreszeit seien die meisten großen Arbeiten, die draußen am Hof getan werden mussten, erledigt gewesen, man habe dementsprechend mehr Zeit drinnen verbracht und sich mehr Gedanken machen können. "Überhaupt macht man sich ja auch heute gegen Ende des Jahres oft Gedanken um die Zukunft", sagt Unger-Richter.

In heutiger Zeit scheinen Bräuche wie das Stiefelwerfen, das Rupfen der Hühnerfeder und selbst der Andreastag als Lostag antiquiert. Manch einer liest vielleicht noch ein Horoskop, die Orakelfunktion vieler Bräuche scheint indes ihre Bedeutung verloren zu haben. Unger-Richter erklärt, wie das unter anderem mit modernen Dating-Plattformen zusammenhängt: Früher habe man sich beim Tanzen oder vielleicht bei einer Wallfahrt kennenlernen können, vielfach seien Ehen aber auch arrangiert worden. "Man konnte selber nicht so konkret eingreifen und musste den himmlischen Mächten mehr vertrauen." Heute könne man sein Glück selbst in die Hand nehmen und brauche dementsprechend kein Liebesorakel. Trotzdem glaubt die Kreisheimatpflegerin, dass sich so mancher im Geheimen den Traumpartner vorstelle oder etwa ein Kerzlein für den Heiligen Andreas anzünde mit der Bitte, dem oder der Auserwählten aufzufallen. Früher traten junge Mädchen ihren Bettschemel, in der Hoffnung, im nächsten Jahr einen Hochzeiter zu bekommen, dazu sagten sie folgenden Spruch auf: "Bettschamel i tritt Di, Andreas, i bitt Di, lass mir erscheinen den Herzallerliebsten meinen!"

Pressekonferenz

Kreisheimatpflegerin Birgitta Unger-Richter war selbst erstaunt, wie viele Adventsbräuche imLandkreis darauf abzielen, den richtigen Partner fürs Leben zu finden.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Gänzlich verschwunden sind die uralten Bräuche auch in der heutigen Zeit nicht. Auch heute noch gehört das Bleigießen zu vielen Silvesterfeiern, um eine Vorhersage für das kommenden Jahr zu treffen - ein alter Brauch, der früher vor allem in Sachen Liebe Auskunft geben sollte. Ebenfalls noch heute bekannt sind die Barbarazweige. So werden vor allem in Süddeutschland und Österreich typischerweise am 4. Dezember, dem Barbaratag, Obstbaumzweige geschnitten und in einer Vase in der Wohnung aufgestellt. Spätestens an Heiligabend sollen die Zweige dann blühen und als hübscher Schmuck dienen.

Ursprünglich hatten die Barbarazweige jedoch noch eine weitere Funktion, schreibt Unger-Richter: "Ein blühender Zweig an Weihnachten verhieß schon einmal einen nahenden Bräutigam. Wer den Zweigen die Namen der möglichen Kandidaten zuordnete, dem verriet der zuerst erblühte den Erwählten." Ein weiterer weihnachtlicher Liebesbrauch, der sich bis heute gehalten hat und sogar international bekannt ist, ist der Kuss unterm Mistelzweig - er soll für ewige Liebe der beiden Küssenden sorgen. Um die Herkunft dieses Brauchs ranken sich verschiedene Legenden. Denn die Ursprünge eines Brauches zu ergründen, beziehungsweise überhaupt von einem Brauch zu erfahren, ist zumeist gar nicht so einfach. Unger-Richter stützte sich bei ihrer Arbeit vor allem auf Ortschroniken und Aufsätze lokaler Brauchtumsforscher. 1909 führte außerdem das Institut für Volkskunde in Bayern eine Umfrage zu Bräuchen durch. Generell sei es aber so, erklärt die Kreisheimatpflegerin, dass man nie genau wissen könne, welche Ursprünge und Bedeutung ein Brauch hatte. Das liege vor allem an der stetigen Weiterentwicklung. Nicht belegt sind aber nicht nur die Geschichten hinter den teils skurril anmutenden Bräuchen, sondern auch ihre Effektivität. Denn ob die Mädchen schließlich tatsächlich ihre Liebe fürs Leben anhand der verschiedenen Orakel und Bräuche fanden, das hat leider niemand dokumentiert.

© SZ vom 09.12.2019
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