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Bergkirchen:Der Trumpf im bösen Spiel

Premiere und zugleich vorerst letzter Akt am Hoftheater: der Psychothriller "Gaslicht". Das Publikum fiebert mit, ist am Ende begeistert und applaudiert auch als Ausdruck seiner Solidarität

Von Dorothea Friedrich, Bergkirchen

Starr und mit brutal hartem Gesichtsausdruck steht ein Mann auf einer kleinen Bühne. In angsteinflößendem, messerscharfen Ton kommandiert er seine Frau herum, ein verschüchtertes bemitleidenswertes Wesen. In sich zusammengesunken kauert sie im Sessel - ihr ganzer Körper signalisiert pure Verzweiflung. Das ist der vom ersten Augenblick an spannungsgeladene Auftakt von "Gaslicht", einem Psychothriller, der seinen Namen wirklich verdient hat.

Am vergangenen Freitag war Premiere dieses Erfolgsstücks von Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938 im Hoftheater Bergkirchen. Eine Premiere, die es in sich hatte. Trifft doch das Hoftheater der sogenannte "Lockdown light" genauso wie alle Kultureinrichtungen - und zwar Ensemble und Publikum gleichermaßen. "Wir müssen spielen. Ohne auf der Bühne zu stehen, existieren wir, aber wir leben nicht", sagte Janet Bens. Theaterchef Herbert Müller, der dieses Stück inszeniert und "corona-gerecht" gekürzt hat, so dass alle Abstands- und Hygieneregeln erfüllt sind, versuchte, Gelassenheit zu vermitteln. Und doch merkte man ihm die Sorgen um die Zukunft seines Theaters an. Er habe bislang noch nicht einmal alle Hilfen erhalten, die er bereits im Mai beantragt habe, sagte er. Und in seiner Stimme sind leise Zweifel, ob die von Bundeskanzlerin Angela Merkel angekündigten Unterstützungsmaßnahmen auch tatsächlich zügig bei den Kulturschaffenden ankommen.

Im sorgsam mit Abstand und Maske platzierten Publikum schwankte die Stimmung unterdessen zwischen Unverständnis ob der erneuten Schließung und der Hoffnung, dass es im Dezember weitergehen kann.

Von all dem ist keine Rede mehr, als Musikfetzen aus Richard Strauss' "Also sprach Zarathustra", Richard Wagners "Walkürenritt" und etliche andere die Begleitmusik zum nervenzerfetzenden Geschehen im mal hell leuchtenden, mal flackernden Gaslicht liefern. Der Brutalo auf der Bühne ist Jack Manningham, fabelhaft gespielt von Ansgar Wilk. Kalte Schauer laufen den Zuschauern den Rücken runter, wenn sie miterleben, wie er seine Frau Bella langsam aber sicher in den Wahnsinn treibt. Sein Mittel der Wahl: Dinge verschwinden plötzlich, tauchen an den seltsamsten Orten wieder auf - und seine Frau ist diejenige, die sich an nichts erinnern kann. Janet Bens gibt diesem von ausgefuchstem Psychoterror gezeichneten Häufchen Unglück so überzeugend Gesicht und Stimme, dass man sie am liebsten tröstend in den Arm nehmen würde. Bella versucht, mit Unterwürfigkeit und falschen Schuldeingeständnissen den Widerling von Ehemann bei Laune zu halten - vergebens.

Sie bettelt: "Du sollst gut zu mir sein, Geduld haben, nicht wütend werden". Das macht der berechnende Jack gefühlt 30 Sekunden lang - und holt zum nächsten Schlag aus. Er befiehlt Bella, auf ihr Zimmer zu gehen - in einem Tonfall, den man nicht einmal einem schwer erziehbaren Hund zumuten würde. Bella bricht erneut fast zusammen, und er droht wieder einmal: "Dann gehörst Du eben in eine Anstalt."

Doch damit nicht genug. Es gehen noch weitere seltsame Dinge im Hause Manningham vor: Da sind immer wieder Schritte im obersten Stockwerk zu hören, das zu betreten der Hausherr strengstens verboten hat. Und da ist das rotzfreche Dienstmädchen Nancy, das seinen Hang zum Sadismus der armen Bella gegenüber nur zu gerne auslebt - und ungeniert den "gnädigen Herrn" anbaggert (mit Lust an der Verderbtheit gespielt von Sarah Giebel). In diesem merkwürdigen Haushalt ist Dienstmädchen Elisabeth Bellas einzige Verbündete. Annette Thomas strahlt mit ihrem Spiel die ganze Gutherzigkeit dieser Frau aus. Fast hätte Jack sein Ziel erreicht, doch dann greift ein älterer Herr ins Geschehen ein: Der ehemalige Polizist William Rough (ein gütiger, besorgter und zugleich scharfsinniger Herbert Müller) erweist sich als Bellas Trumpf im bösen Spiel - und klärt quasi im Vorübergehen noch einen alten Mord auf.

Das Publikum fiebert mit und braucht erst einmal ein Weilchen, bis sich die schier unerträgliche Spannung in nicht enden wollendem Applaus auflöst. Dieser ist zugleich ein Dank an die großartigen Darsteller und ein Zeichen der Solidarität mit dem Hoftheater.

"Wir sind so froh, dass wir wenigstens die Premiere noch rausbringen konnten", sagt Janet Bens später. "Wir wären sonst geplatzt." Das ist nur zu gut verständlich. Denn "Gaslicht" ist ein absoluter Höhepunkt im vielfältigen Programm des Hoftheaters. Zum einen, weil die Handlung jenseits der ge- und beliebten Bühnenklassiker und Komödien angesiedelt ist. Vor allem aber, weil alle Schauspieler im kargen, stimmigen Bühnenbild von Ulrike Beckers in einem einzigen Sessel und zwischen vielen halbtransparenten Vorhängen mit ihrer Rolle eins geworden sind. Sie nehmen ihr Publikum von Anfang bis Ende auf eine Reise in Abgründe des Verstandes und der Seele mit. Das ist unbedingt sehenswert.

© SZ vom 04.11.2020

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