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Baupolitik:Noch alles offen am Amperberg

Werner Dehm

Hat viele Ideen für das Areal nördlich des Amperbergs: Werner Dehm, Chef des Augsburger Planungsbüros Opla.

(Foto: Horst Kramer)

Planungsbüro stellt Alternativentwürfe für das Neubaugebiet vor. Statt eine Entscheidung zu fällen, geht der Gemeinderat in Klausur

Von Horst Kramer, Haimhausen

Der Chef des Augsburger Planungsbüros Opla, Werner Dehm, mahnte die Gemeinderatsmitglieder nach fast zwei Stunden Diskussion im sanft-väterlichen Ton: "Es handelt sich um ein Filetstück Ihres Ortskerns. Wir sollten uns vier Stunden Zeit nehmen, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Entwürfe in Ruhe zu besprechen. Zum Beispiel im Rahmen eines zeitnahen Workshops." Haimhausens Bürgermeister Peter Felbermeier (CSU) schlug sofort ein: "Dieses Angebot nehmen wir gerne an." Vorausgegangen war eine rund 50-minütige Präsentation Dehms mit drei Entwürfen für die Bebauung des rund vier Hektar großen Areals nördlich des Amperbergs.

An den Vortrag schloss sich eine dreiviertelstündige kontroverse Diskussion an. Zwar freundlich im Ton, doch mit Ansichten, die sich diametral gegenüber stehen. Auf der einen Seite Rätinnen wie Christina Meckel (ÜWB), Sabrina Spallek und Bettina Ahlrep (beide Grüne) oder auch die Jugendbeauftragte der Kommune, Martina Rusch, die alle für möglichst wenig Autoverkehr in der neuen Siedlung plädieren. Auf der anderen Seite Räte wie Ergun Dost, Stefan Jänicke (beide Bürgerstimme) oder Martin Müller (CSU), die einen Parkplatz vor dem Einfamilienhaus für unverzichtbar halten. Dost argumentierte: "Wer sich dort ein Grundstück leisten kann, will auch seinen Q7 vor der Tür stehen haben."

Indes dieser Personenkreis dürfte wohl eine kleine Minderheit darstellen. Zumindest wenn es nach den Plänen Dehms geht. Der Augsburger hatten für seine ortsplanerischen Überlegungen die Ergebnisse der Bürgerbefragung ausgewertet, die im Juli des vergangenen Jahres durchgeführt wurde und an der 440 Personen aus dem Gemeindegebiet teilnahmen. "Wir hatten selten so eine hohe Beteiligung!", lobte Dehm, "noch dazu mit so hoher Qualität!"

Wer die Ergebnisse studiert, stellt fest, dass die große Mehrheit der Befragten, sich möglichst wenig Verkehr wünscht: 237 halten Autofreiheit für sehr wichtig oder wichtig, 359 sprechen sich für einen verkehrsberuhigten Bereich, 296 für Tempo 30-Zone aus; offenbar waren Mehrfachnennungen erlaubt. Keine der Alternativen schloss explizit Parkplätze oder Garagen vor der Haustür ein. Die Interessenten für Einfamilienhäuser waren mit 44,5 Prozent in der Minderheit. Sogar nur ein Viertel aller Befragten wünscht sich ein Großgrundstück mit mehr als 600 Quadratmeter.

Die Opla-Planer hatten drei alternative Bebauungsvarianten ausgearbeitet. Die erste - "städtebauliches Konzept" benannt - kombiniert eine dichtere Geschossbauwohnungsdichte in den höheren Hanglagen, mit einer gelockerten Anordnung von Doppelhäusern auf halber Höhe und einer lockeren Anordnung von Einfamilienhäusern am Fuß des Hangs. Der Charme daran: Alle Gebäude auf der Südwestseite sind energetisch optimal zum Sonnenstand ausgerichtet, viele zur Nordwestseite allerdings. Jedes Gebäude ist anfahrbar, jedes Einfamilienhaus verfügt über einen Stellplatz. Weiter ins Detail ging Dehm nicht. Insgesamt entstehen rund 30 Gebäude, wie auch bei den beide Varianten. Die zweite Variante ähnelt der ersten, soll aber einen "teilberuhigten Verkehrsbereich" darstellen. Die dritte Variante ist "autofrei" gedacht und verzichtet komplett auf Stellplätze. Dehm hatte für diese Variante einen architektonisches "Schmankerl" vorgesehen: Die Gebäude sind hier als "Kleinquartiere" angeordnet, mit eigenen Grünanlagen und "hoher Identität", so Dehm. Der Architekt zitierte die legendäre Stuttgarter Weißenhofsiedlung von Mies van der Rohe oder auch die Bauhaus-Quartiere in Berlin.

Bei den "auto-reduzierten" Versionen ist "ein Parkstadel" oben auf der Hügelkante vorgesehen. Die Fußwegdistanz dorthin beträgt laut Dehm maximal rund zweihundert Meter. Der Planer schien dennoch davon auszugehen, dass sich das Mobilitätsverhalten auf dem Land nicht ändern wird, er sprach von "Zweit- und Drittauto pro Familie" als Normalfall. "Was in dreißig Jahren der Fall sein wird, wissen wir alle nicht", kommentierte Rathauschef Felbermeier vage.

Spallek von den Grünen hielt den Skeptikern entgegen, dass diese Siedlung Leute anziehen würde, die sich bewusst für eine Veränderung entscheiden. Eine Veränderung im Mobilitätsverhalten, die alle Verkehrsplaner in der Metropolregion für dringend erforderlich halten. Schon um die morgendlichen Pkw-Lawinen nach München zu vermindern. Genau deswegen setzen der MVV wie auch die Landkreise auf ein stark verbessertes ÖPNV-Angebot. Andere Landkreisgemeinden wie etwa Petershausen wollen Erfahrungen mit E-Mobilitäts-Sharing-Konzepten sammeln.

In Haimhausen geht es immerhin um 66 bis einhundert Wohneinheiten, also rund 140 bis 220 Neubürger. Der erfahrene Planer Dehm stellte zu diesem späten Zeitpunkt wohl fest, dass es keinen Sinn macht, auf einen Entscheidung zu drängen. So schlug er den ratsinter- nen Workshop vor. Er soll noch im Februar an einem Wochenende über die Bühne gehen.

© SZ vom 16.02.2021
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