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Barrierefreiheit:Vorsicht an der Bahnsteigkante

Die Bahnhöfe an der Linie S 2 nach Altomünster sind für Rollstuhlfahrer zum Teil eine Herausforderung. Behindertenbeauftragter Wolfgang Rettinger will sie nicht akzeptieren. Die Bahn spricht von technischen Zwängen

Die Bahn hat gepfuscht, so sieht es Wolfgang Rettinger, Behindertenbeauftragter des Landkreises. Die Bahnsteige in Erdweg und Kleinberghofen sind nicht barrierefrei, so sagt er. Auch weitere Bahnhöfe an der neuen S-2-Linie könnten nicht den Normen entsprechen, befürchtet Rettinger. Eine Begehung der umgebauten Bahnsteige in den beiden Orten hat ergeben, dass die Rampen für Rollstuhlfahrer teils zu steil sind. Vor allem aber sind die Abstände zwischen Zug und Bahnsteig zu groß. Nur etwa fünf bis zehn Zentimeter dürften zwischen Fahrzeug und Kante liegen, sagt Rettinger. Er beruft sich auf den Vorschriftenkatalog "Barrierefreier ÖPNV in Deutschland", den das Bundesverkehrsministerium regelmäßig herausgibt. Tatsächlich sind die Abstände zwischen Zug und Bahnsteig deutlich größer: Zwischen 18 und 20 Zentimeter sind es in Erdweg, bis zu 23 in Kleinberghofen. Für Rettinger ist klar: "Die Bahn muss nachbessern."

Bahnsprecher Bernd Honerkamp spricht von Kurvenradien und dem Spielraum, der nötig sei, damit es zu keiner Kollision zwischen Zug und Bahnsteig komme. An der Linie nach Altomünster seien alle Bahnsteige 96 Zentimeter hoch, so dass es beim Einstieg keinerlei Höhenunterschied zu überwinden gebe. Auch die Abstände zwischen Zug und Kante seien "für einen normalen Rollstuhl kein Problem". Menschen, die einen Elektrorollstuhl nutzten oder dennoch Schwierigkeiten beim Einstieg hätten, könnten sich jederzeit an den Zugführer wenden. Direkt hinter der Kabine des Fahrers gebe es eine ausfahrbare Rampe mittels derer der Abstand überbrückt werden könne. Alle Züge auf der Strecke verfügten über eine solche Rampe.

Ein Radfahrer kann die Rampe am Erdweger Bahnhof bewältigen: Es gibt ja eine Gangschaltung. Für Rollstuhlfahrer ist es ungleich schwieriger.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Rettinger jedoch möchte die Bahnsteige so nicht akzeptieren. Zum Abschluss jeder Baumaßnahme wird eine Begehung gemacht. In diesem Fall waren neben Gemeindevertretern auch ein Vertreter der Bezirksregierung sowie zwei Vertreter der Bahn dabei; die Gemeinde Erdweg hatte sich als Berater einen Ingenieur dazu geholt, der fachlich beraten sollte. Doch selbst wenn die Abstände zum Zug überbrückt werden können, auch die Rampen zum Bahnsteig sind laut Rettinger nicht in Ordnung. Jene in Erdweg sei schlicht "schlampig gebaut" und zu steil. Teilweise habe sie eine Neigung von 7,5 statt den vorgeschriebenen maximal sechs Prozent. Eine Vorgabe, die Rettinger ohnehin schwer akzeptieren kann. "Für sechs Prozent braucht man viel Armkraft", sagt er.

Tatsächlich ist der Bahnhof in Erdweg, für alle, die keine Treppen steigen können, eine besondere Herausforderung - regelgerechte Neigung hin oder her. Wer aus Richtung München ankommt, muss insgesamt etwa 250 Meter Strecke zurücklegen um überhaupt erst den Weg Richtung Parkplatz auf der Ortsseite von Erdweg zu erreichen. Es geht zunächst 30 Meter Rampe hinunter, dann etwa 130 Meter geradeaus, dann eine zweite noch längere Rampe hinunter, durch die Unterführung und schließlich noch eine Rampe hinauf. Ziemlich viel Armarbeit für einen Rollstuhlfahrer, aber auch umständlich und langwierig für Menschen mit Kinderwagen oder viel Gepäck.

Im fast 20 Zentimeter breiten Spalt zwischen Fahrzeug und Bahnsteigkante können sich kleine Räder eines Rollstuhls oder Rollators verkanten.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Bernd Honerkamp erklärt dazu, bei großen Höhenunterschieden seien häufig lange Wege in Kauf zu nehmen. Nicht zuletzt die Behindertenverbände forderten meist Rampen statt Aufzüge, denn diese "gehen nun mal leichter kaputt". Ob allerdings der Weg zum Bahnsteig in Erdweg so umständlich gestaltet werden musste, ist immerhin fragwürdig.

Für Rettinger sind die Arbeiten der Bahn ein Fall für den Rechnungshof. Denn bezahlt werden die Maßnahmen nicht von der Deutschen Bahn, sondern letztendlich vom Steuerzahler. Mit 47, 3 Millionen Euro hat der Freistaat die Elektrifizierung und den Ausbau der Linie A für den S-Bahn-Verkehr von Dachau nach Altomünster gefördert, informiert eine Sprecherin der Regierung von Oberbayern.

Es wäre nicht das erste Mal, dass beim barrierefreien Ausbau eines Bahnhofs etwas schief geht. In der Region München war zuletzt der Bahnhof Steinhöring im Landkreis Ebersberg in Kritik geraten. Zwar wurde an eine Auffahrtsrampe gedacht, jedoch verkehren dort nur Züge eines alten Typs, die nicht über ebenerdige Einstiege verfügen. Die Treppen zum Zug sind für Rollstuhlfahrer unüberwindlich, auch der Abstand zur Bahnsteigkante ist viel zu groß. Die Bahn wies die Schuld von sich. Der Freistaat habe den Einsatz der alten Züge vorgesehen, hieß es von einem Bahnsprecher. Es hätten jedoch nur solche neueren Typs zugelassen werden dürfen. In Steinhöring soll nun eine Art Hebebühne installiert werden. Trotzdem müssen die Reisenden ihre Fahrt vorher anmelden. Dabei, so erklärt Rettinger, sei es doch der Sinn der Barrierefreiheit, den Menschen "ein selbständiges Bewegen im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten" zu erlauben. Diesem Anspruch werden einige der neuen Bahnhöfe an der S2 nach Altomünster wohl nicht gerecht.

© SZ vom 02.06.2015
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