bedeckt München

Ausstellung in Karlsfeld:Die Natur als Lehrmeisterin

Luis Barrios-Oteros Retrospektive in der Galerie-Kunstwerkstatt

Von Lisa Brendel, Karlsfeld

"Beuys sagte: ,In jedem steckt ein Künstler.' Ich sage: In vielen Objekten der Natur steckt Kunst." So antwortet Luis Barrios-Otero auf die Frage, welche Aussage er den Besuchern seiner Ausstellung mitgeben will. Seine "Retrospektive-1985-2020" kann man noch dieses und nächstes Wochenende jeweils von 14 bis 18 Uhr der Karlsfelder Galerie-Kunstwerkstatt besichtigen.

Die Natur lässt sich tatsächlich fortlaufend in seinen abstrakten Werken erkennen. So nutzt der seit 1993 selbständige Künstler zum Bemalen nicht nur die herkömmliche Leinwand, sondern auch Holz-, Metall und Linoleumplatten, die er auf Flohmärkten und im Sperrmüll findet. Das älteste Bild seiner Ausstellung ist von 1985, die Zeit in der er sich von seinem Professor, bei dem er während seines Studiums Malunterricht nahm, absetzte und begann, seine eigene Kunst weiterzuverfolgen. Barrios-Otero ist der Meinung, dass die realistische Natur zwar schön sei, jedoch eher als Erinnerung an einen Urlaub geeignet als für die Kunst, die ihm zufolge "etwas Neues" zeigen solle. Zwei seiner größten Vorbilder, die Künstler Antoni Tápies und Eduardo Chillida, die er in Spanien kennenlernte, inspirierten ihn, ihre Elemente, wie zum Beispiel Tápies' Haptik durch Erde, Sand und andere markante Strukturen und Chillidas abstrakte Skulpturen und bizarre Figuren, auch in seiner Kunst aufzugreifen.

"Kreativität darf sich nicht begrenzen lassen, sie muss lebendig bleiben", so Barrios-Otero, und lebendig sind seine Werke. Beim näheren Betrachten fallen immer wieder kleine Details auf. Ein großes Gemälde auf einer Holzwand eines alten Containers lässt immer wieder Stellen, frei, die von Überseefahrten beschädigt wurden, oder hebt sie durch Farbe hervor. Die ursprüngliche Natur des Materials ist also immer noch zu sehen und ein Teil der Kunst.

Ob eine digitale Fotomontage, die in seine plastische Kunst - einem bearbeiteten Metallrahmen - integriert wird oder Malerei und Fotografie verbunden auf einer Leinwand, die nun eine neue Realität zeigt, dem Künstler ist die Methode egal, Hauptsache es entsteht eine künstlerische Komposition, die Spannung erzeugt. So übermalte er beispielsweise die offenen Augen einer Frau, um den Fokus auf das Ganze zu lenken. Die ausgestellten Werke sind größtenteils in Schwarz-weiß gehalten, die wenigen knallbunten Bilder stehen dazu provokant im Kontrast und werfen die Frage auf: "Warum benutzt er sonst so viel Schwarz?"

Bei den Ausstellungsstücke wurde bewusst auf Titel verzichtet, um den Betrachtern die Freiheit zu lassen, das Gesehene für sich selbst zu erschließen. Die auf dem ersten Blick einfachen Werke laden zum genaueren Hinschauen ein, um auch kleine Details erfassen zu können.

© SZ vom 10.10.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema