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Ausstellung in Altomünster:Malfluten und Farbschlachten

Bernd Schwarting zeigt im Museum Altomünster seine sinnlichen, düsteren Arbeiten. Auch der klösterlichen Vergangenheit der Marktgemeinde widmet er ein eigenes Werk. Statt mit Pinsel trägt der in Berlin lebende Künstler die Farben von Hand auf die Leinwand auf

Farbschlachten, Malfluten, Fingerfarben. Wie passt das alles zusammen? Die Antwort auf diese Frage gibt es derzeit im Museum Altomünster zu sehen. Dort stellt aktuell der in Stade geborene und in Berlin lebende renommierte Maler und Fotograf Bernd Schwarting seine jüngsten Arbeiten unter dem Titel "Nachtalb und Himmelslicht" aus. Die Ausstellungseröffnung war eigentlich schon für Anfang April geplant, doch der Nachtalb Corona fügte bekanntlich dem gesamten Kulturleben schwerste Verwundungen zu. Mit der Wiedereröffnung der Museen bricht nun ein kleines Himmelslicht durch die dunklen Wolken, die sich so bedrohlich über allen Kulturschaffenden zusammengebraut haben.

Entsprechend groß war am vergangenen Wochenende der Andrang im kleinen Altomünsterer Museum. Die kürzlich gewählte zweite Vorsitzende des Heimat- und Museumsvereins Altomünster, die Biologin Regina Schüffner, hatte mit einem ausgeklügelten Hygienekonzept den derzeit strengen Vorgaben Rechnung getragen. Auch die Besucher waren durchweg auf Abstand bedacht und mit Mund-Nasenbedeckung geschützt, wenn auch so mancher am liebsten nach den langen Wochen des unfreiwilligen Kunst- und Kulturentzugs die Wiedersehensfreude mit einer Umarmung gefeiert hätte. Doch was derzeit nicht möglich ist, geht halt nicht. Das tat aber dem lebhaften Austausch über Schwartings Arbeiten keinen Abbruch.

Opulent, farbgewaltig und phantastisch, so präsentiert der Maler seine zumeist großformatigen Bilder. "Koschka" stammt aus der Werkreihe "Himmelslicht und Nachtalb", die auch der Titel der aktuellen Ausstellung im Museum Altomünster ist.

(Foto: Toni Heigl)

Was also genau hat es mit den Malfluten, den Farbschlachten und den Fingerfarben auf sich? Da sind einmal die riesigen Leinwände, die im Erdgeschoss des Museums die Blicke magisch anziehen. Mehr oder weniger nackte Frauengestalten, vorzugsweise mit roten Haaren und braunen Augen, räkeln sich in glitzernden Wellen oder liegen totenstarr in den Fluten. Sie sind so dominant, dass erst genaueres Hinschauen diesen Schwarting-Kosmos mit seiner überbordenden Farbfülle erschließen kann.

"Nach eigenem Bekunden", wie es in einem kenntnisreichen Beitrag von Ulrich Schneider im aufwendig gestalteten Ausstellungskatalog heißt, trägt der Künstler seine Farbschichten am liebsten mit der Hand auf. Er mischt seine Farben mit Pigmenten "zu einer fingerfertigen Konsistenz und packt dann die Farbbatzen zur Verarbeitung auf einen Tisch in seinem Atelier". Susanne Allers, die den Künstler schon seit vielen Jahren kennt, schreibt in ihrem Beitrag, für Schwarting sei Farbe "keine Materie, die er mittels Werkzeug aufträgt, sondern die er in sinnlicher Unmittelbarkeit erleben will..." So vom auf Deutsch und Englisch (warum nur?) erschienenen Kataloginhalt instruiert, lassen sich die Riesenmalereien unter einem neuen Blickwinkel betrachten, lässt sich die schiere Freude und die große Anstrengung am und beim Entstehungsprozess in Ansätzen nachvollziehen.

Segler stecken in Italien fest

Der Künstler Bernd Schwarting in seinem Atelier.

(Foto: privat)

Sehr viel leichter ist der Zugang zu den kleinformatigen Arbeiten, von denen einige eine Hommage an Altomünster und seine "klösterliche" Vergangenheit sind. Die heilige Birgitta - auch mit braunen Augen - schaut gütig-streng. Die barocke Pfarrkirche ist eine hingehauchte blütenumkränzte Schönheit und zeigt erst beim näheren Hinschauen, dass Schwarting seine Betrachter gerne mal auf Irrwege führt. Denn plötzlich mutiert die rote Pracht zur bedrohlichen Feuersbrunst. Ein ziemlich deutlicher Hinweis auf Schwartings düstere Seite. Er lässt einen Mann kopfüber "In die Malgrube" stürzen. Ein nur aus Augen zu bestehendes Gesicht, eine geballte Faust und ein dahingekrakeltes "Nein" machen einerseits Angst, können aber ebenso gut als Ermutigung verstanden werden, sich zu wehren. Aber gegen wen oder was? Wie ein Memento Mori wirken zwei Arbeiten unter dem Motto "Du bist Asche", sujetadäquat mit Öl, Kohle und Asche auf die Leinwand gebannt.

Fast erholsam sind da die netten, kleinen Ateliergäste, Vögel in zarten Farben, oder die überreichen Blüten "Im Ateliergarten". Das sind sorgsam plastische Arbeiten, die wie mit Fimo ausgeführt wirken, aber tatsächlich filigran aufgetragene Farbspektakel sind. Und dann ist da noch eine kleine, versteckte Arbeit, die womöglich ein Bekenntnis Schwartings ist: "Das Bild erspart Dir nichts" heißt sie. Schwarting auch nicht, möchte man mit allem Respekt hinzufügen.

"Himmelslicht und Nachtalb". Noch bis Sonntag, 30. August, im Museum Altomünster. Geöffnet: samstags von 13 bis 16 Uhr und sonntags von 13 bis 17 Uhr.

© SZ vom 23.05.2020

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