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Asylhelfer schließen sich zu einer Lobby zusammen:Mit einer Stimme sprechen

Jochen Jacob

Asylhelfer Joachim Jacob.

(Foto: oh)

Asylhelfer aus ganz Deutschland unterstützen die Gruppierung Unser Veto, die in Nürnberg ihren ersten Landesverband gründen will. Der Petershausener Joachim Jacob kandidiert für den Vorstand

Politisches Mitspracherecht ist über die Jahre zu einem Anliegen vieler ehrenamtlicher Helfer für Flüchtlinge und Asylsuchende geworden. Fast 10 000 von ihnen aus ganz Deutschland unterstützen mittlerweile die Gruppierung Unser Veto. Nahezu die Hälfte stammt aus Bayern. An diesem Samstag wollen sie in Nürnberg den ersten deutschen Landesverband gründen. Joachim Jacob vom Helferkreis Petershausen kandidiert für den Vorstand. Damit ist er der einzige Vertreter aus dem Landkreis Dachau, zwei aus jedem bayerischen Landkreis sollten es nach Wunsch der Organisatoren eigentlich sein. Die Freiwilligen im Landkreis aber betrachten die Vereinigung mit gemischten Gefühlen.

"Unser Veto ist eine sehr offene Vereinigung", erklärt Joachim Jacob. "Hier können sich alle Freiwilligen wiederfinden." Pro Asyl und der Flüchtlingsrat hätten ihre "eigenen Traditionen und Stärken", seien aber teilweise "sehr festgelegt". Ziel von Unser Veto sei, dass alle Helferkreise mit einer Stimme sprechen und gegenüber Politikern geschlossen auftreten könnten. Jacob etwa will erreichen, dass deutlich weniger Geflüchtete mit Arbeitsverbot belegt werden. Gleichzeitig beobachtet auch er trotz seines Engagements für Unser Veto den Konstituierungsprozess kritisch. Demokratische Prozesse habe es bisher kaum gegeben. Die Delegierten aus den Landkreisen wurden nicht mehrheitlich von allen Ehrenamtlichen gewählt. Auch Jacob nicht.

Der vielleicht gewichtigste Helferkreis im Landkreis und jedenfalls der mit der längsten Geschichte, der AK Asyl Dachau, engagiert sich nicht bei Unser Veto. Ein einstimmiges Ergebnis habe es dazu im Arbeitskreis nicht gegeben, es bleibe nun jedem persönlich überlassen, sich bei Unser Veto zu engagieren. So erklärt es Hans-Peter Eisinger und ergänzt: "Wir sind für jede Form der Vernetzung." Unpolitisch ist der AK Asyl nicht. Mitglieder unterstützen den Flüchtlingsrat oder nehmen an Demonstrationen teil. Doch Eisinger spricht einen Grundkonflikt dieses Engagements an: "Für die Arbeit für einen Verband brauche ich zusätzlich Zeit." Eisinger kam 2015 zum AK Asyl und unterrichtete Deutsch in der Berufsschulturnhalle. Heute betreut er, selbst berufstätig, intensiv zwei junge Afghanen auf ihrem Weg durch die Ausbildung ins Berufsleben. Er habe sich entschieden, sagt Eisinger, lieber direkt zu helfen, als politisch aufzutreten. Auch wenn er das politische Engagement anderer schätzt.

Ähnlich geht es Peter Barth aus Hebertshausen. Barth ist um klare Worte und Positionen nie verlegen und wendet sich immer wieder direkt an Lokalpolitiker und Landtagsabgeordnete. Über sein Engagement für Geflüchtete sagt er: "Es ist eine politische Arbeit durch und durch." Doch seine anfängliche Kandidatur für Unser Veto zog er zurück. Er verweist auf sein Alter, er sei über 70, es werde ihm etwas zuviel. Doch das ist es nicht allein. Barth ist skeptisch, ob es eine weitere Gruppierung braucht. Neben dem bayerischen Flüchtlingsrat und Pro Asyl bildeten sich nach 2015 Asylgipfel in verschiedenen Landesteilen, die sich zu immer stärkeren Gruppierungen zusammen schließen. Erst im Oktober hat sich der Verein Matteo gegründet, eine kirchliche Bewegung. Barth befürchtet eine "zu große Verzettelung" und wünscht sich eine Bündelung.

Politische Aufmerksamkeit hat Unser Veto bereits errungen. Auf dem Gründungskongress in Nürnberg wird die SPD-Landtagsabgeordnete Angelika Weikert sprechen. Ihr Gründer Raffael Sonnenschein aus Landsberg am Lech hat sich mit Unterstützern schon bei Staatsministern im Kanzleramt Gehör verschafft. Unser Veto begreift er als Gewerkschaft der Ehrenamtlichen und Lobbyverband, der auf die Gesetzgebung Einfluss nehmen will. 2016 hatte Sonnenschein einen bayernweiten Warnstreik der Helfer organisiert und wollte zunächst als Parteiloser für die Linke in den Bundestag, zog aber die Kandidatur später zurück. Auf der Homepage von Unser Veto distanziert er sich von Parteipolitik. Bei ihrem Treffen in Nürnberg wollen die Ehrenamtlichen schweigend vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zur Menschlichkeit mahnen - parteipolitische Symbole sind dabei untersagt.

Sonnenschein setzt eigentlich genau auf Helfer wie Eisinger. "Total naiv" sei er zunächst an die Sache heran gegangen, sagt Eisinger. "Ich wollte einfach nur helfen." Mit der Zeit habe er gelernt, "welche administrativen und politischen Aspekte daran hängen." Politiker und Verwaltung, glaubt er, "wissen schon, dass wir wichtig sind." Eisinger denkt weiter. Daran, dass die Geflüchteten eine eigene Stimme haben sollten. Nicht nur die der Helfer. Und diese Helfer, so sagt er, werden mit der Zeit zu Begleitern und "zu guten Freunden" werden. Das sei für ihn Integration.

© SZ vom 24.03.2018
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