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Armutsbekämpfung:Arm in einem reichen Landkreis

Die Arbeit des landkreisweiten Netzwerks zur Armutsbekämpfung verzeichnet in den Themenfeldern Bildung, Arbeit, Gesundheit und Alter erste Erfolge. Zur Linderung der Wohnungsnot ist die Politik gefragt

Schon auf dem Fußmarsch zur Veranstaltung ist Egon Endres überraschend mit dem Thema des Abends konfrontiert worden. Der Sozialwissenschaftler moderierte am Donnerstag das Treffen des landkreisweiten Netzwerks zur Armutsbekämpfung, das sich im vorigen Jahr gegründet hat. Unterwegs, das berichtete Endres dann den Teilnehmern im Rotkreuz-Saal, sei er mit einem Passanten ins Gespräch gekommen. Armut, habe der Mann freimütig erzählt, das kenne er gut. Seine Mutter habe nur eine kleine Rente, müsste von 400 Euro leben, könnten nicht ihre Kinder sie finanziell unterstützen.

Eine zufällige Begegnung, die zeigt, was später Landrat Stefan Löwl (CSU) bekräftigte: "Wir sind ein reicher Landkreis, dass es hier auch Armut gibt, ist nicht präsent". Zwar gehe die Hälfte des Landkreisetats in soziale Leistungen, "aber wir erreichen nicht alle". Zumal, das betonte Löwl, "nicht sämtliche Probleme mit Geld zu lösen sind." Deswegen sind im vorigen Jahr engagierte Menschen angetreten, um Informationen zusammentragen, neue Angebote zu konzipieren, ein Netz zu spannen für Landkreisbürger mit wenig Geld. Erste Projekte und Perspektiven wurden jetzt in einer Zwischenbilanz präsentiert. Doch die Arbeit geht weiter, Wissen und Erfahrung der sozialen Anlaufstellen gelte es noch enger zu vernetzen, "Synergieeffekte besser zu nutzen", sagte Heidi Schaitl, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft freier Träger im Landkreis und Initiatorin des Netzwerks. Auch schaffen aktuelle Entwicklungen weiteren Handlungsbedarf: Weil arme Menschen die Auswirkungen des Klimawandels am stärksten treffen, wurde eine sechste Arbeitsgruppe Armut und Klimaschutz gegründet, die noch am Abend ihr Arbeit aufnahm.

Silvia Neumeier koordiniert den Arbeitskreis Gesundheit.

(Foto: Toni Heigl)

Nicht zuletzt der Armutsbericht für den Landkreis, den Caritas-Expertin Lena Wirthmüller im vorigen Jahr in zweiter Auflage erstellt hat, belegt konkret mit Daten und Fakten die finanziell schwierige Situation etwa von kinderreichen Familien, Alleinerziehenden und auch Senioren. Um das Leben dieser Betroffenen - abseits von staatlichen Geldleistungen - zu erleichtern, startete vor einem Jahr das "Netzwerk zur Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen", wie das Projekt offiziell heißt. In fünf Arbeitsgruppen zu Armut und Alter, Gesundheit, Bildung, Wohnen und Arbeit engagierten sich Akteure der Wohlfahrtsverbände, Vertreter von Kommunalpolitik, Banken, Vereinen aber auch motivierte Bürger. Ein Engagement, das nun erste Früchte trägt. Denn auch den "Profis" im Hilfesystem waren, das bekannten einige freimütig, einige Hilfen aber auch manche Problematik gar nicht bekannt. So werden etwa 50 Bürger pro Monat bei sozialen Anlaufstellen vorstellig, die keine Krankenversicherung haben, berichtete Silvia Neumeier, Leiterin der Dachauer Drogenberatung Drobs. Der von Neumeier koordinierte Arbeitskreis Gesundheit organisierte als "Erste Hilfe" eine Versorgung durch die Münchner Anlaufstelle open.med, betreut von Medizinern der Organisation Ärzte der Welt. Eine Lösung auf Zeit, so Neumeier. In Kooperation mit Ärzten im Landkreis soll in Dachau eine medizinische Betreuung aufgebaut werden. Als erstes konkretes Projekt hat der Arbeitskreis Alter ein Seniorenfrühstück initiiert. Dieses Treffen steht nicht nur armen Senioren offen sondern auch allen, die gerne Gemeinschaft erleben möchten. Um besser in Kontakt zu treten mit älteren Menschen, die leiden unter "Armut an Geld oder Armut an sozialen Kontakten", wäre eine aufsuchende Arbeit ähnlich den Streetworkern in der Jugendarbeit sinnvoll, erkläret AG-Leiterin Martina Ernst.

Um armen Bürgern den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern, müssten Jobcenter und Arbeitsagentur noch stärker zusammenarbeiten, erklärte Sascha Neumeier, dessen Arbeitsgruppe sich nun auch den Problemen von Menschen im Niedriglohn-Sektor zuwenden will. Um schon Kindern stärkere finanzielle Kompetenzen zu vermitteln, hat die AG Bildung Präventionsideen unter dem Stichwort den "Geldführerschein" entwickelt. Catrin Müller, Bildungsmanagerin für den Landkreis, wird diese Vorhaben weiter vorantreiben.

Sozialwissenschaftler Egon Endres moderiert das Netzwerktreffen.

(Foto: Toni Heigl)

Während es bei den Themenfeldern Bildung, Arbeit, Gesundheit und Alter erste Vorhaben oder doch Projektideen gebe, seien beim Thema Wohnungsnot die politisch Verantwortlichen auf allen Ebenen von der Kommune bis zum Bund gefragt, erklärte AG-Leiterin Aylin Beqiraj, die bei der Caritas ein Wohnungsprojekt betreut. Die Liste der Forderung reicht von der stärkeren steuerlichen Förderung von Miet- und Eigentumswohnungen, der finanziellen Unterstützung von Umbaumaßnahmen bis hin zur Abschaffung von Behelfsunterkünften. "Die Menschen sollen in ordentlichen Wohnungen untergebracht werden", so Aylin Beqiraj. Mit einer Zweckentfremdungssatzung könne "Monteurwohnungen und Airbnb ein Riegel vorgeschoben werden."

Die in einer einschlägigen Studie des Pestel-Instituts geforderte Richtgröße von 26 Sozialwohnungen pro 1000 Einwohner habe die 50 000-Einwohner-Stadt Dachau mit 1345 geförderten Wohnungen längst erreicht, betonte Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD): "Es reicht trotzdem nicht." Die Stadt hat deshalb ein weiteres Bauprogramm aufgelegt. Auch auf dem Land, wo Sozialwohnungen bisher rar waren, habe sich deren Zahl auf 444 verdoppelt, betonte Löwl. Aber es fehlten Baurecht und Grundstücke. Der Schwabhausener CSU-Gemeinderat Florian Scherf skizzierte "Ängste" der Bürger ländlicher Gemeinden, "Geschosswohnungsbau funktioniert auf dem Dorf nicht". Die Landbewohner wollten nicht "städtische Probleme lösen". Aber auch wer im Dorf wohnt, "profitiert von der Arbeit der Menschen, die wenig Geld haben", entgegnete Stadtfotograf Florian Göttler. Noch gebe es Gemeinden ohne eine einzige Sozialwohnung, erklärte die Autorin des Armutsberichts, Lena Wirthmüller. "Vielleicht kann der anstehende Wahlkampf dem Thema Flügel verleihen."

© SZ vom 11.11.2019

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