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Anschaffungspläne für Hebertshausen:Nachhaltigkeit zum Nulltarif

Collage Reischl, Klaffki

Bürgermeister Richard Reischl (CSU) will Nachhaltigkeitsprojekte auf den Weg bringen. Gemeinderätin Marianne Klaffki (SPD) ist eher skeptisch.

(Foto: Toni Heigl/Niels P. Jørgensen)

Hebertshausen will Obstpresse, Dörranlage, Holzbacköfen und einen Bürgerbus aus Spenden und EU-Geld finanzieren

Von Horst Kramer, Hebertshausen

"Die Pandemie hat das Interesse an regionalen und nachhaltigen Lebensmitteln verstärkt", findet Hebertshausens Bürgermeister Richard Reischl (CSU). Deshalb haben er und der Haupt- und Finanzausschuss des Gemeinderates einige Nachhaltigkeitsprojekte auf die Schiene gesetzt: So wird Hebertshausen eine Obstpresse, eine Obstdörranlage, öffentliche Holzbacköfen sowie einen Bürgerbus anschaffen, den Vereine und Seniorenorganisationen nutzen können. Eine Besonderheit aller Projekte: Hebertshausen will seine klamme Kassen nicht zusätzlich belasten und die Anschaffungen weitestgehend durch Fremdmittel finanzieren - zum einen mit Zuschüssen der EU, die über Dachau Agil, dem regionalen Entwicklungsverein im Landkreis, beantragt werden können, zum anderen durch Sponsoring von Hebertshausener Unternehmen.

Die Beträge, um die es dabei geht, sind überschaubar: Eine Obstpresse ist laut Reischl für rund 800 Euro zu haben, ein Dörrautomat für weniger als 300 Euro. "Das sind Beträge, die die Verwaltung eigentlich ohne Zustimmung der Gremien ausgeben kann", erläuterte der Rathauschef. Doch fasst man die Anschaffungen zusammen mit einem mobilen Backofen (8400 Euro) und einem stationären Backofen (40 000 Euro mit Zubehör) unter einem Projektdach zusammen, kann man dafür EU-Fördermittel abrufen, so Reischl. Allerdings müsse die Gemeinde ihren Antrag sehr schnell beim Regionalentwicklungsverein Dachau Agil abgeben, denn die Förderperiode laufe demnächst aus.

Einige der Vorhaben wurden von den Hebertshausener Räten ohne großes Zögern durchgewunken, etwa die Obstpresse und der Dörrautomat. Mit beiden Apparaturen sollen die Früchte der kommunalen Apfelbäumchen weiterverwertet werden - die Kommune pflanzt seit dem Frühjahr des vergangenen Jahres für jeden Neugeborenen einen Apfelbaum und kennzeichnet ihn durch ein gelbes Band. Saftpresse wie Dörrautomat werden der Grund- und Mittelschule übergeben, so Reischls Plan. Mit der Schulleitung habe er schon Gespräche geführt. Für die Anschaffung eines stationären Backhauses und eines mobilen Backofens musste sich Reischl hingegen rhetorisch mehr ins Zeug legen. "Das Interesse an selbst gebackenem Brot ist riesig", warb der Rathauschef und verwies auf die bestens besuchten Brotbackangebote der Volkshochschule oder am Obergrashof. Robert Rossa, Geschäftsführer des Verein Dachauer Moos, sagte der SZ: "Unsere Kurse sind meist schon ausgebucht, bevor wir die Termine veröffentlicht haben."

Marianne Klaffki (SPD) und Florian Zigldrum (CSU) zeigten sich jedoch skeptisch: Beide forderten eine Bedarfsermittlung sowie ein Konzept, das auch Hygieneregeln umfasst. Reischl hielt dem schwarz-roten Duo entgegen: "Sobald wir öffentlich bekannt geben, dass wir Backöfen anschaffen, werden unsere Leitungen nicht mehr von Anfragen überlaufen." Als Beispiel führte er die 3600-Einwohner-Gemeinde Beuren auf der Schwäbischen Alb an, die seit einigen Jahren gleich zwei Backhäuser betreibt. Reischl hatte sich bei seinem Kollegen Daniel Gluiber erkundigt und erfahren, dass sich die Backhäuser zu sozialen Treffpunkten entwickelt hätten. Noch dazu seien die öffentlichen Backöfen finanzielle Selbstläufer, denn die Einnahmen aus Nutzungsgebühren trügen die Betriebskosten, zitierte Reischl seinen Kollegen. CSU-Fraktionschef Clemens von Trebra-Lindenau fand, das Projekt habe "Charme", wollte aber sichergestellt wissen, dass die Verwaltung für die Betreuung des Backofens nicht zusätzliche Stellen im Rathaus verlange. "Die Gemeinde wird niemals Personal für ein Backhaus einstellen!", versprach der Bürgermeister.

Den mobilen Backofen hingegen lehnte der CSU-Chef ab. Mit einem Argument, das auch schon Zigldrum vorgebracht hatte: "Wenn das Beispiel macht, müssen wir demnächst für die Feuerwehr einen Grill anschaffen." Klaffki fasste die Bedenken in einen größeren Rahmen und verwies auf Finanzprobleme der Kommune: "Im Rahmen der Pandemie müssen wir über vordringlichere Aufgaben nachdenken denn über Backöfen." Denn die EU-Förderquote beträgt zwar 50 Prozent, die andere Hälfte muss die Kommune aber aus Eigenmitteln finanzieren. Schlussendlich einigte sich das Gremium darauf, erst einmal einen Förderantrag bei Dachau Agil zu stellen und einen Bescheid abzuwarten.

Nicht zuletzt deshalb, weil sich für den mobilen Backofen auch eine andere Finanzierung denken lässt, wie Reischl andeutete. Eine Lösung, wie sie beim Bürgerbus als machbar erscheint. Die Anschaffung wurde schon lange diskutiert, die Finanzierung sollte aus der Gemeindekasse erfolgen - 30 000 Euro sind dafür im laufenden Haushalt vorgesehen. Der Rathauschef will das Fahrzeug stattdessen mit Spendengeld örtlicher Unternehmen finanzieren, möglichst zu einhundert Prozent. Die Firmen dürften dafür mit ihrem Logo auf den Bussen werben, zudem erhalten sie einen steuerlich wirksamen Spendenbescheid. "Ich habe schon einige Vorabgespräche geführt, die Resonanz war durchgängig positiv", berichtete Reischl. Die Bürgerstiftung habe schon 3500 Euro in Aussicht gestellt. Der Kleinbus kann mit Führerschein der Klasse B gefahren werden und soll über eine Rollstuhlrampe verfügen. Die Nachbarschaftshilfe wolle den Bus für Einkaufsfahrten für ältere Menschen nutzen, so Reischl, die Sportvereine könnten ihn für die Auswärtsspiele ihrer Jüngsten einsetzen.

Nur Klaus Kirschner (CSU) stimmte gegen den Antrag: "So eine Anschaffung passt nicht in die Corona-Zeiten." Dass sich die Lage im Frühjahr entspanne, glaube er nicht. Die Mehrheit beschloss mit dem Bürgermeister das Vorhaben dennoch.

© SZ vom 25.11.2020
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