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Altomünster:Die Lust am Schreiben

Wilhelm Liebhart vom Museumsverein und Autorin Sabine Siebert bei der Veranstaltung: "Altomünster liest".

(Foto: Toni Heigl)

Die Veranstaltung "Altomünster liest" mit zehn Autoren begeistert das Publikum

Von Dorothea Friedrich, Altomünster

"Altomünster liest." Das Motto der Veranstaltung von Dachauer Forum, Volkshochschule und Museumsverein am Donnerstagabend im Museumsforum war ein Experiment. Erstmals waren Autoren aus der Gemeinde eingeladen, ihr Werke vorzustellen: Gedichte, Essays, Romanauszüge und ein Theater-Einakter. Gerechnet hatten die Veranstalter mit fünf, sechs Anmeldungen. Es kamen zehn, nicht nur aus Altomünster. Und es kamen sehr viel mehr Zuhörer.

Wer sich als kulturbeflissener Mensch je die Qual der Lesungen für den Ingeborg-Bachmann-Preis antat, erinnert sich mit Grauen an die dortige Verhörzimmer-Atmosphäre. Nichts sollte ablenken. Ganz anders im Museumsforum: Schön gedeckte und geschmückte Tische, Kerzen, Platzerl, Punsch und Wein machten den Raum fast heimelig. Das Publikum war nicht zum Stillschweigen verdonnert, es schwieg betroffen, lachte und laut und gab auch mal Zwischenapplaus.

Die Erdwegerin Edith Biasizzo eröffnete den Vorleseabend der anderen Art. Sie hat bereits zwei Lyrikbände veröffentlicht. Ihre Gedichte in schlichter Reimform drehen sich um religiöse oder Lebensfragen, um Zuwendung und Hilfsbereitschaft. Der ehemalige Lehrer Gustl Baudisch beeindruckte besonders mit einem Gedicht über Integration anno 1945. Er beschreibt darin, dass dem Buben die Fremde erst zur Heimat wurde, als er Bairisch gelernt hatte.

Baudischs Erzählung "Wo ist meine Heimat?" ist ein starkes Plädoyer für die Versöhnung nach Flucht und Vertreibung. Warum sollte er, der als Siebenjähriger die Heimat im Riesengebirge verlassen musste, mehr als fünfzig Jahre später Unrecht mit Unrecht beantworten und verlorenen Besitz zurückfordern, fragte er sich in dieser Kurzgeschichte, die wegen ihrer nüchterne Sprache eine ganz eigene Wirkung entfaltet.

Der Dachauer Peter Hendl verblüffte mit prägnanter moderner Lyrik in freien Rhythmen. Er zeigte sich als scharfsichtiger Beobachter der Zeitläufte und seiner selbst. "Der Morgen ist dem Gedicht gewidmet", heißt es an einer Stelle. Gut möglich, dass dem so ist. Denn Hendl schreibt hervorragend. Norbert Rogge sagte bescheiden: "Ich bin kein Dichter". Der Reim ist seine Ausdrucksform für Gedanken über "Weihnachten im September", über die "Stade Zeit" und den grassierenden Egoismus allerorten.

Die in Hohenzell lebende Künstlerin Bussi Buhs zeigte, dass sie nicht nur mit "ihrem" Material - diversen Kunststoffen - vertrauten, meisterhaften Umgang pflegt. Auch in ihren hintersinnigen, doppeldeutigen Gedichten ist nichts so wie es scheint. Julia Bütows Satire "Esoterik" zeigt, wie im Altoland mit Hingabe und Leidenschaft alles gepflegt wird, was die Esoterik-Szene zu bieten hat: vom Schamanismus bis zum Aurapflaster, - und das in friedlicher Koexistenz mit Krippenfiguren und Heiligenbildchen. Die Pipinsriederin hat bereits "Altomünster - eine Gemeinde auf dem Weg ins 21. Jahrhundert" mit viel Humor über ihre Ankunft auf dem Land geschrieben. Sie versicherte glaubhaft, alle Esoteriker seien existent, ebenso wahr seien ihre Erfahrungen mit überfürsorglichen Mitarbeitern im Dachauer Tierheim, die sie filmreif in ihrer Erzählung "Goliath" verarbeitet hat.

Gerhard Gerstenhöfer, Mitherausgeber des Altomünsterer Kulturspiegels und Gründer der örtlichen Volkshochschule, tritt in seinem Essay "Klassentreffen" in Dialog mit einer kürzlich verstorbenen Freundin. Entstanden ist ein Stück Erinnerung an unbeschwerte Studienzeiten, ans Erwachsen werden, ans Auseinanderdriften der Lebenswege, ans Wiederfinden und den schmerzlichen Abschied für immer, geschrieben in einer unprätentiösen Sprache - ohne romantische Verklärung und gerade deshalb so einnehmend.

Ein bisher "verborgenes Talent", wie Liebhart sagte, ist Sabine Siebert. "Mit dem Schreiben habe ich begonnen, als mein Mann mir vor einigen Jahren einen Laptop schenkte", erzählte die hauptberufliche Eisenbahnerin der SZ Dachau. "Was soll ich damit", habe sie sich gefragt. Inzwischen nimmt sie an Wettbewerben teil. Ihre Kurzgeschichten, auch der "Ersatzweihnachtsmann", sind in zwei lesenswerten Anthologien erschienen.

Das Autorinnenduo Maria Noel und Runa Winacht (beide Namen sind Pseudonyme) kennt man weit über die Region hinaus. Die eine lebt in Altomünster, die andere im Norden. "Und führe uns in die Versuchung" ist ein Historien-Krimi, der zur Zeit der Reformation im Birgittenkonvent spielt. Maria Noell erzählt: "Entstanden ist der Krimi, weil ich mich anfangs in Altomünster überhaupt nicht wohlgefühlt habe. Erst mit der Recherche zum Roman bin ich angekommen." Die zwei Autorinnen lasen aber nicht aus der Pflichtlektüre für Einheimische und Zugezogene, sondern aus "Fledermaus", einer Zeitreise-Trilogie. Als Finale des Autorentreffens gab es Georg Hubers urkomischen und bayerischen Einakter "Der Kirchweihgans-Prozess". Das war ein schönes Stück Volkstheater und ein passender Abschluss einer überraschend qualitätvollen "Nacht der Autoren".

© SZ vom 19.11.2016
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