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80 Jahre Karlsfeld:Wiesenweg statt Carnaby Street

Als Schlagerstar Peggy March in Karlsfeld eine Brücke über den Moosgrabenbach einweiht. Die Sonderausstellung zum 80-jährigen Bestehen der politischen Gemeinde zeigt Kurioses wie Nostalgisches

Es scheint fast, als wäre heuer das Jahr der Jubiläen - zumindest wenn man einen Blick ins Karlsfelder Heimatmuseum wirft. Unter dem Motto "runde Erfolgsgeschichten - Gemeinde und Vereine feiern" haben die Leiterin Ilsa Oberbauer und ihr Team allerhand zusammengetragen: Erstaunliches, Kurioses, Interessantes, aber auch Nostalgisches. Anlass für die Sonderausstellung, die am Sonntag, 19. Mai, eröffnet, ist der 80. Geburtstag der politischen Gemeinde.

"Ich dachte, das wäre damals mit Pomp und Gloria groß gefeiert worden, wie seinerzeit in Tegernsee", sagt Oberbauer. Während sie alte Dokumente durchforstete, stellte sie sich bunte Fahnenabordnungen vor, Trachtengruppen und Blaskapelle. Doch das Ergebnis ihrer Mühen war ernüchternd. Nichts von alledem markiert den Anfang. Nicht einmal eine schöne Rede vom neuen Bürgermeister Alois Ludl, lediglich ein lapidarer kurzer Satz, fast schon eine Notiz, die noch dazu schnell zu überlesen ist: "Die Gemeinde Augustenfeld erhält den Namen Karlsfeld." Das war's. Anfang der Geschichte. Das war 1939.

Heimatmuseum

Das alte Schwarz-weiß-Foto mit der blonden Schönheit ist ja auch ein Hingucker.

(Foto: Niels P. Joergensen)

1009 Einwohner lebten damals im Ort. 120 Gebäude gab es. Heute sind es unglaubliche 23 001 Einwohner, so die neueste Auskunft aus dem Rathaus. Die Gebäude werden längst nicht mehr gezählt. Sicher ist nur, dass ihre Zahl unablässig wächst - schneller als manch einem lieb sein dürfte. Das Dorf von damals ist mit der heutigen Vorstadtgemeinde kaum mehr vergleichbar. Die leeren Flure sind fast alle zugebaut. Vor 80 Jahren mussten die Schulkinder drei Kilometer weit laufen, um etwas zu lernen. Heute werden zwei neue Grundschulen in Karlsfeld gebaut, sowie ein Gymnasium. Die Wege sind kurz, auch für Mittelschüler.

80 Jahre - für eine Gemeinde ist das kein Alter. Und so wirkt das Sterbebild des ersten Karlsfelders, der ins Geburtenregister eingetragen wurde, fast noch druckfrisch. Oberbauer hat es ausfindig gemacht und aufgehängt. So ist Albert Huber, der mit fünf Kindern am Schwarzgrabenweg wohnte, nun ohne es zu wissen eng verknüpft mit der Karlsfelder Geschichte.

Das kurioseste Jubiläum dürfte die unscheinbare kleine Brücke über den Moosgrabenbach sein, die vier Männer für ihre Frauen bauten. Vor 50 Jahren gab es in Karlsfeld nur einen Laden weit und breit - jenseits des Bachs. Und damit die Frauen nicht mit den schweren Einkäufen über eine wacklige Holzbohle balancieren oder aus Angst vor nassen Füßen große Umwege laufen mussten, krempelten die Männer ihre Ärmel hoch. Sie legten das Hauptteil eines Lkw-Rahmens quer über den Bach am Wiesenweg, betonierten ihn ein, legten Bretter darüber und bauten ein Geländer. Hilfe zur Selbsthilfe, denn Gemeinde und Bahn, die für den Bach zuständig sind, wollten nichts tun. Als die Brücke fertig war, lud Günther Arendt die Presse ein. Er hatte gute Kontakte zum damaligen Schlagerstar Peggy March, die mit ihrem Hit "Mit 17 hat man noch Träume" oder in der "Carnaby Street" auf dem Höhepunkt ihrer Karriere war. Elegant schlenderte die blonde Schönheit über die Brücke. Die vier Männer nutzten die Aufmerksamkeit der Presse und schenkten der Gemeinde ihr Werk. Doch der Bürgermeister akzeptierte den Schwarzbau nur unter der Bedingung, dass sie die Pflege dafür übernehmen. Und so kümmert sich Anton Zenner, der letzte, der es noch kann, bis heute um die Brücke.

Heimatmuseum

Puppen in der Tracht der Ost- und Westpreußen.

(Foto: Niels Jørgensen)

Älter als die Gemeinde ist das Gut Rotschwaige. Die Familie Offenbeck feiert heuer, dass es seit 100 Jahren in Familienbesitz ist. Die vierte Generation ist bereits am Start. Als Peter Paul Winkler, der Urgroßvater von Susanne Offenbeck, es kaufte, wusste er, dass es schwierig zu bewirtschaften ist, hatte das Gut von 1900 bis 1919 doch zwölf Mal den Besitz gewechselt. Aber Winkler war im Landwirtschaftsministerium in München tätig und hatte Ideen. Er gründete eine Entwässerungsgenossenschaft mit Landwirten aus Allach und wandelte das Grünland in Ackerland um. Im Museum zeugen noch alte Schwarz-weiß-Bilder von dieser Zeit. Doch ganz so unproblematisch war die Umstellung nicht. Schlechte Ernten in den 1920er Jahren führten Winkler fast in den Ruin. Doch er bemerkte Flecken an den merkwürdig hellen Blättern der Pflanzen und begann zu forschen. Mit Erfolg: Er fand heraus, dass dem kalkhaltigen Niedermoorboden Mangan fehlte. Eine Entdeckung, die nicht nur den Bauern im Dachauer Moos half, sondern die Landwirtschaft in ganz Südbayern revolutionierte, denn die Erträge stiegen danach rasant. 1954 übernahm die Tochter Gertrud Kauppe mit ihrem Mann Rudolph das Gut und 1997 Susanne und Wolfgang Offenbeck.

Mit Gemeinde und Gut feiern noch zehn Vereine in diesem Jahr einen runden Geburtstag und das zeigt ein recht lebendiges gesellschaftliches Leben. Die Karlsfelder widmen sich in ihrer Freizeit dem Sport, der Musik und der Politik. Manche züchten gerne Fische oder auch Kaninchen. Wobei die große Zeit der Kaninchenzüchter längst vorbei ist. 1969 trugen sie noch zur "Fleischversorgung" im Ort bei. 45 Jahre später musste sich der Verein mangels Nachwuchs auflösen.

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Ilsa Oberbauer weiß viele Anekdoten über die Karlsfelder. Sehr gern erzählt sie die über die Peggy-March-Brücke.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Besonders an Karlsfeld sind die vielen Verbände der Heimatvertriebenen, in denen sie ihre Kultur und Sprache zelebrieren. In der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen trafen sich von 1949 an alle, die aus dem Gebiet um Königsberg herum geflüchtet waren. Doch die junge Generation hatte immer weniger Interesse an dem Verein, so dass er sich schließlich auflöste. "Sie fühlen sich als Karlsfelder", sagt Oberbauer. "Sie sind gut integriert, nicht mehr heimatlos, wie ihre Eltern oder Großeltern." Ähnlich scheint es nun auch dem Aitef zu gehen. Der Verein half italienischen Gastarbeitern, die kein Deutsch konnten und sich in Karlsfeld fremd fühlten. Heuer feiert der Klub sein 50-jähriges Bestehen, aber das Interesse an ihm nimmt ab, sagt Oberbauer.

Die Ausstellung wird am Sonntag um 13 Uhr im Bürgertreff von Bürgermeister Stefan Kolbe eröffnet. Dabei geht es vor allem um das gemeindliche Jubiläum. Von 14 Uhr an können die Bürger sich im Museum umsehen. Der Eintritt ist anlässlich des internationalen Museumstags frei.