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Contra:Umzingelt von Dilettanten

Für echte Fußballfans ist Rudelgucken unerträglich. Denn dabei bilden immer Dilettanten die Mehrheit. Wie schön ist da doch ein Abend unter Freunden, die wissen, was ein indirekter Freistoß ist

Jetzt ist es also wieder so weit: Plötzlich sind alle Fußballfans, die sonst im Jahr nicht die Champions League vom Coca-Cola-Cup unterscheiden können. Auf einmal ist alles Schwarz-Rot-Gold, die Termine der EM-Spiele sind im Kalender geblockt, die passende Location mit Großbildleinwand ist ausgesucht: auf zum unvermeidlichen Public Viewing. Die Idee des Rudelguckens ist eigentlich uralt, bloß dass es damals Rudelhören und der ökonomischen Not geschuldet war: Beim sogenannten Wunder von Bern 1954 traten sich die Leute in der Kneipe um die Ecke auch schon auf die Füße, um den Kommentator im Radio zu hören - weil sie halt aber zu Hause nichts hatten. Heute hängt an jeder Wohnzimmerwand ein Flachbildschirm, trotzdem zieht es die Generation Event in den Biergarten oder wo sonst zu sehen ist, wie die Spieler in Überlebensgröße den Ball ins Tor treten. Fußball ist das populärste Kollektivereignis der Stadt geworden, wohl weil es eine Mischung aus vielem ist: ein bisschen Grillfest, ein bisschen Kino, ein bisschen Festival. Viel Emotion für wenig Eintritt. Dabei ist genau das problematisch.

Für echte Fußballfans ist so ein Public Viewing unerträglich, weil eben in der Tendenz die Dilettanten die Mehrheit bilden. Da brüllt die Masse "Tor!", wo der Schiedsrichter schon lange Abseits gepfiffen hat. Und irgendein Idiot mosert immer, dass die Spieler jetzt mal die Zweikämpfe annehmen müssten, weil er das vor 30 Jahren mal in einem Interview mit Otto Rehhagel gehört hat. Die Leute rempeln, schwitzen, schreien, bei Bedarf umarmen sie auch Wildfremde, und bei alldem haben sie keine, höchstens wenig Ahnung von diesem Sport. Grillen kann man auch zu Hause. Mit Freunden, die wissen, was ein indirekter Freistoß ist.