Camila Vallejo an der LMU Das Gesicht der Revolution

"Wir werden nicht aufhören, bis wir endlich echte Demokratie haben": Camila Vallejo, Symbolfigur der chilenischen Studentenproteste, diskutiert in einem heillos überfüllten Hörsaal der LMU mit Studenten.

Von Sebastian Krass

Es läuft die letzte Woche des Wintersemesters, doch hier geht es ein bisschen zu, als sei es die erste. Lang bevor die Veranstaltung beginnt, sind alle 80 Sitzplätze belegt. Die restlichen 100 Leute müssen stehen. Aber heute geht es auch nicht um einen Kurs à la Einführung in die politische Theorie, heute geht es um Revolution, und zwar in der Praxis. Eine dreiköpfige Delegation aus Chile ist zu Gast, sie ist gekommen, um über die Bildungs- und Sozialproteste zu sprechen, die das Land seit Monaten aufwühlen und über die inzwischen weltweit berichtet wird.

Camila Vallejo, Symbolfigur der chilenischen Studentenproteste, diskutiert mit Studenten über die Proteste in ihrer Heimat.

(Foto: Catherina Hess)

Raum F107 der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) ist aber vor allem deshalb so voll, weil auch Camila Vallejo zur Delegation gehört. Die 23-jährige Geografiestudentin aus der Hauptstadt Santiago ist zur globalen Symbolfigur der chilenischen Proteste geworden - eine Rolle, die ihr nach wie vor "Unwohlsein" bereite, wie sie bei einem Pressegespräch vorab sagt.

Zumal sie sich vor kurzem noch selbst als Teil einer entpolitisierten Generation gefühlt habe. Aber Vallejo nimmt die Rolle an, im Dienst der Sache. Und es wirkt, als achte sie darauf, sich nicht noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen, als es alle anderen ohnehin tun.

Von ihrer Sache wollen Vallejo und ihre Mitstreiter, der Gewerkschafter Jorge Murua und die Politaktivistin Karol Cariola, erzählen auf ihrer zehntägigen Tour durch Deutschland, die in München endet. Zwei Botschaften sind den Chilenen besonders wichtig, denn das komme in der Berichterstattung nicht recht rüber: "Es ist keine reine Studentenbewegung. Es geht nicht nur um die gescheiterte Privatisierung des Bildungssektors in Chile", sagt Vallejo: "Die soziale Wirklichkeit insgesamt muss sich ändern."

Deshalb stünden bei den Massenprotesten Studenten an der Seite von Arbeitern, Umweltschützern und der indigenen Bevölkerung. Und es soll auch keiner denken, dass da kurz etwas aufkocht und bald wieder abebbt. "Die Proteste sind das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses, in dem die Wut gewachsen ist", sagt sie. "Und wir werden nicht aufhören, bis wir endlich echte Demokratie haben."

Konzentriert hört der Saal ihr und dem Übersetzer zu. Man merkt, dass Vallejo schon viele hundert solcher und noch viel größerer Auftritte hinter sich hat. Ihren klaren Botschaften gegen Ungleichheit und die Elitenherrschaft würde wohl fast jeder zustimmen. Vallejo bezeichnet sich als Kommunistin, aber es ist ein anderes Verständnis von Kommunismus als hierzulande. Diese Revolution soll bei aller Entschiedenheit auch mit Leichtigkeit daherkommen.

Die ersten größeren Lacher gibt es, als Karol Cariola erzählt, wie 5000 Demonstranten vor dem Regierungspalast getanzt hätten, alle zum gleichen Lied - dessen Titel der Übersetzer erst nicht versteht: "Thriller" von Michael Jackson.

Es ist ein stressiges Programm, das sich die drei Aktivisten zumuten, allein in München haben sie drei Termine binnen sieben Stunden. So endet auch der Nachmittag in der LMU recht abrupt, nach zwei, drei Fragen. Es hätte viele weitere gegeben. Aber die Zuhörer sind zufrieden: Sie geben den Chilenen einen warmen Applaus mit auf den langen Weg zurück.