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Bettler:Vater und Sohn schlafen nun unter einer Isarbrücke

Constantin M. ist demnach nun ein "organisierter" Bettler. Er lebt nach seiner Erzwingungshaft in München, gemeinsam mit seinem 61-jährigen Vater Nicolaie, der seit eineinhalb Jahren im Glockenbachviertel auf der Straße haust und ebenfalls bettelt: Er organisiert das Überleben für die Familie in Rumänien.

Nicolaie und Constantin M., Vater und Sohn, stehen nebeneinander und blicken auf die Isar. "Was passiert jetzt mit meinem Sohn?", fragt der Vater. Die Erzwingungshaft hat Constantin zwar abgesessen, doch die Stadt Nürnberg fordert weiterhin, dass das aufgelaufene Bußgeld bezahlt wird. Wenn Constantin in Nürnberg wieder erwischt wird, kommt er womöglich wieder ins Gefängnis. Nürnbergs Ordnungsamtschef Robert Pollack sagt: "Wer nichts hat, dem kann man nichts nehmen." Bis auf die Freiheit, die kann man Menschen wie Constantin M. nehmen.

Pollack betont, dass die Erzwingungshaft für Bettler nicht regelmäßig beantragt wird, aber es kommt eben öfter vor. In München wurde nach Auskunft des Kreisverwaltungsreferats bislang in insgesamt zwei Fällen sogenannte Ersatzzwangshaft für Bettler angeordnet, "die trotz zusätzlicher schriftlicher Anordnung weiter unerlaubt gebettelt haben". Bislang habe das Amtsgericht jedoch über die Anträge noch nicht entschieden, teilt Referatssprecher Johannes Mayer mit.

"Bei Bettlern ergibt sich in der Regel - wenn überhaupt - eine Verfolgung wegen Ordnungswidrigkeiten, wenn es nicht um den Strafvorwurf des Hausfriedensbruchs geht. Bei nicht bezahlten Bußgeldbescheid kann es natürlich am Ende zu Erzwingungshaft kommen", sagt Anne Leiding, Sprecherin der Staatsanwaltschaft München. Ein Polizeisprecher sagt auf Anfrage, dass in München allein wegen Bettelns wohl niemand in Haft komme. "Da muss schon einiges mehr dazu kommen."

Constantins Vater hat, um seinem Sohn mit den Bußgeldern zu helfen, ein bisschen Geld für ihn gespart. Der steht nun an der Wittelsbacherbrücke und holt einen Überweisungsbeleg aus dem Geldbeutel. Knapp hundert Euro hat er nach Nürnberg überwiesen. Geld, das er und seine Familie dringend bräuchten. In der Hand hält er noch einen weiteren Zettel. Es ist ein Attest eines rumänischen Arztes, das Constantin M. ein "psychisches Handicap" attestiert.

Er schläft nun mit seinem Vater in München unter einer Isarbrücke, manchmal auch im Foyer einer Bankfiliale. Nachbarn bringen den beiden Männern morgens Tee vorbei, damit sie sich wärmen können. "Wenn alle Menschen so wären wie Nicolaie, dann gäbe es überhaupt kein Bettelverbot", sagt ein Nachbar. Nicolaie M., ein freundlicher älterer Mann, seine billige Hose ist dürftig mit einem Lederband zusammengehalten. Trotzdem sieht man den Stolz in seinem Blick, wenn er Bilder seiner Familie zeigt. Fünf Enkelkinder und drei erwachsene Kinder hat Nicolaie M., einer davon ist Constantin.

Am Abend nach dem Treffen an der Brücke steht Constantin M. allein in der Tankstelle an der Josephspitalstraße vor dem Kühlregal. Er wiegt eine Flasche Bier in der Hand, blickt auf den Preis am Regal, stellt die Flasche zurück und geht wieder. Der Geldbeutel ist ja leer.

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