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Projekt für Menschen mit und ohne Handicap:Zurück ins Leben klettern

IWDR nennt sich der Verein, der die speziellen Kletterkurse anbietet. Das steht für: "Ich will da rauf."

Das Kletterprojekt begann mit einem Hirntumor: Immer noch werden Menschen mit Handicap in Extragruppen, Sonderklassen und Spezialkurse gesteckt. In Thalkirchen arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen an der Wand.

Von Deniz Aykanat

Kinder schweben kreischend durch die Luft, junge Männer hangeln sich in 18 Metern Höhe von Griff zu Griff. Keiner schaut, wie die zierliche Antonia Weber (Name geändert) ihr Bein nachzieht oder Brigitte Langer durch die Halle schlurft. Im Kletterzentrum des Alpenvereins in Thalkirchen herrscht an diesem Nachmittag Trubel. Überall liegen Seile und Karabiner herum. Und Magnesia-Beutel - das brauchen Kletterer, um ihre Hände trocken zu halten.

Langer ruckelt noch einmal an ihrem Haltegurt, dann schwingt sie sich mit Armen und Beinen die ersten bunten Griffe hoch. Keine fünf Minuten später erklimmt sie eine 18 Meter hohe Wand. Langer ist 77 Jahre alt und hatte vor kurzem einen Schlaganfall. "Seit ich klettere, kann ich wieder laufen", sagt sie und lächelt. Ihrer Familie hat sie davon nicht einmal erzählt, die würde sich bloß Sorgen machen. Nur ihr Enkel weiß Bescheid. "Und der hält dicht."

Auch Weber, die jünger aussieht als 31, macht sich für den Klettergang bereit. Sie leidet an einer starken Gehbehinderung, jetzt setzt sie einen Helm über die kurzen Haare, ihr Partner prüft Knoten und Gurt, dann kann es losgehen. Sie zieht sich mit den Armen an den Griffen nach oben. Manchmal kann sie ihr Bein nicht nachziehen, dann hält sie sich mit gestrecktem Arm in der Luft und zieht es mit der anderen Hand nach. "Klettern ist für mich viel einfacher als Treppe steigen", sagt sie.

Antonia Weber und Brigitte Langer gehören zu einer Gruppe, in der Menschen mit und ohne Behinderung alle zwei Wochen zusammen klettern. Inklusion nennt man das. Ein sperriges Wort. Das bayerische Sozialministerium versteht darunter "die Wertschätzung der Verschiedenheit menschlichen Lebens, individueller Unterschiede der Kinder und Familien sowie ihre soziale und kulturelle Vielfalt zu verstehen".

Zentrale Prinzipien sind demnach soziale Integration, individuelle Begleitung und kulturelle Offenheit. Kurz gesagt: Aus dem Nebeneinander soll ein Miteinander werden. Auf dem Papier klingt das einleuchtend, in der Realität bleibt die Forderung oft nur ein Wunsch.

Das einzige, was die Familie gemeinsam machen kann

Das Kletterprojekt begann mit einem Hirntumor. Die damals 15-jährige Linda erhielt 2004 diese schlimme Diagnose. Von einem Tag auf den anderen änderte sich ihr Leben. Nach der OP konnte sie weder Arme noch Beine bewegen. Auch sprechen und sogar schlucken musste sie wieder lernen.

Ein Heilpädagoge hatte die Idee mit dem Klettern. Wilfried Lehr, der Lebensgefährte ihrer Mutter, kam interessehalber mit - und war baff, als er Linda, die nicht einmal alleine laufen konnte, eine Wand hochkraxeln sah. Mutter Lisa Riedl war anfangs überhaupt nicht am Klettern interessiert. "Ich war einfach froh, dass ich eineinhalb Stunden in Ruhe Zeitung lesen konnte." Lehr aber wollte gar nicht mehr aufhören und steckte mit seiner Begeisterung schließlich auch seine Lebensgefährtin an.

Das Klettern ist das einzige, was die kleine Familie gemeinsam machen kann, was sie aus dem zermürbenden Alltag reißt. Irgendwann wollte Linda nicht mehr allein oder nur mit Behinderten klettern, daraufhin gründete Wilfried Lehr den Verein IWDR - kurz für "Ich will da rauf" - mit. Das Ziel: Menschen mit und ohne Handicap an der Kletterwand zusammenzubringen. Behinderte vertrauen Nicht-Behinderten und umgekehrt. Statt des ewigen Mitleids gibt es Anerkennung.

15 Ehrenamtliche sind in dem Verein derzeit tätig, und es gibt weitere Unterstützer. Die berühmtesten sind die Extremkletterer Alexander und Thomas Huber, besser bekannt als die Huberbuam. Zehn Kletter-Gruppen für Kinder und Erwachsene unterhält der Verein. Die Nachfrage ist groß. Die Leiter der Gruppen sind alle mindestens als Kletterwandbetreuer ausgebildet. Viele sind Sozial- oder Heilpädagogen.

An diesem Nachmittag ist Klettertrainer Peter Müller-Herle mit in der Halle. Vor zwei Jahren hat ihn ein Freund auf den Verein gebracht. "Mir gefällt es, dass das hier nicht nur so ein Ego-Klettern ist. Wir sind eine richtige Gemeinschaft", sagt er.

Immer noch werden Menschen mit Handicap in Extragruppen, Sonderklassen und Spezialkurse gesteckt. Antonia Weber wollte nie in einer Gruppe mit ausschließlich Behinderten klettern. "Ich genieße das richtig, dass sich in der Halle keiner für uns interessiert", sagt sie. Behinderte seien hier auch nur Menschen, die gerne klettern.

© SZ vom 02.01.2013

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