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Ausstellung im Valentin Karlstadt Musäum:Revolution unter Glas

Trikont

Wegweiser der tönenden Gegenkultur: die beiden Trikont-Chefs Eva Mair-Holmes und der 2018 gestorbene Achim Bergmann.

(Foto: Sebastian Weidenbach)

"Musik, Krawall und andere schöne Künste" widmet sich Münchner Gegenkultur

Links neben dem Eingang zum kleinen Turmzimmer im Isartor liegt Che Guevaras "Bolivianisches Tagebuch" in der Vitrine. Dahinter lehnt Bommi Baumanns "Wie alles anfing" neben "Der lange Marsch. Wege der Revolution in Lateinamerika". Davor das Büchlein von Fritz Teufel und Rainer Langhans mit dem programmatischen Titel "Klau mich". Gestern Basisbibliothek einer linken Wohngemeinschaft, heute schon hinter Glas. Es sind die ersten Lebenszeichen des Münchner Trikont-Verlags, den man heute als Plattenlabel kennt. Die theoretische Grundlage für den Sound. "Musik, Krawall und andere schöne Künste" ist der Titel der Ausstellung im Valentin Karlstadt Musäum, die die klingende Gegenkultur der Stadt auf Stellwände bringt.

Wie die Ausstellung so hieß auch das 2017 erschienene Buch: "Die Trikont Story" im Untertitel, das die Labelgeschichte mit Herz fürs Detail aufrollte. Wer es kennt, weiß um die Materialfülle, die dem Kurator Kalle Laar zur Verfügung stand. Laar ist audiophiler Künstler und hat selber bei Trikont veröffentlicht: die La-Paloma-Sampler, CDs die sich ausschließlich den unterschiedlichen Versionen eines Liedes widmeten und mit diesen verblüffenderweise die ganze Welt in einer Melodie zusammenbrachten.

"Wir befreien uns selbst" - das war 1972 der im Rückblick programmatische Titel der ersten von Trikont veröffentlichten Schallplatte. Es musizierte eine Gruppe die sich Arbeitersache München nannte. Im Wiederhören ist das ein vergnügliches Do-it-Yourself-Teil, auf dem auch Achim Bergmann mitsang, der in der Folge das Label zu einem Auffangbecken für viele machte, die etwas zu sagen hatten, aber bis dahin nicht gehört wurden. "Bei BMW wird gestreikt" hieß damals ein Song. Es ging bei Trikont ums Konkrete, ums Jetzt, den Ort, die Zustände. Das war nicht Amerika, es war München, und das war stark. Laar breitet die Geschichte auf Stellwänden im runden Raum aus und erzählt parallel, wie die Pop-Musik nach München kam. Am 10. Juni 1945 nahm der amerikanische Sender AFN den Betrieb auf, in der Kaulbachstraße 15. 1952 eröffnete Gisela Jonas ihr Lokal. Mit ihr zog ein Hauch des Verruchten nach Schwabing und in einem Chanson wie "Schwabinger Laterne" wurde München fast zur vibrierenden Großstadt.

Diese Ausstellung will hinausblicken über die Trikont-Geschichte, will sie einbinden in die alternative Musikgeschichte Münchens. Ordnet sie ein neben die Kleinkunstszene um die Bühnen MUH und Song Parnass. Verweist auf die Verbindung zu anderen Labels: Echokammer, Gutfeeling. Und versucht doch gleichzeitig noch von den großen Trikont-Künstlern zu erzählen: von Hans Söllner, von Coco Schumann, Attwenger und Coconami. Es ist sehr viel Wollen für den kleinen Raum, und wer sich ansatzweise mit dem Thema auskennt, hat hier einen Orientierungsvorteil. Es gibt Musik, auf kleinen Bildschirmen, aber in all dem Wirbel der Ideen wären mehr Ruhepausen reinen Klanges schön gewesen. Nur, wer will schon in Corona-Zeiten mit Kopfhörern arbeiten?

Wer sich einlässt auf die ausgebreiteten Dokumente, spürt, wie die Vergangenheit plötzlich ganz nahe rückt. Am 2. April 1977 schreibt Mickey vom auch bei Trikont aktiven Mobilen Einsatz Orkester in einem schlicht "Straßenmusik" überschriebenen Artikel: "Wieso bleiben einem belebten Stadtkern plötzlich nur noch die Kauf- und Profitzonen der kapitalistischen Verschwörung von Plastik und Beton über? Wo sind die Volksfeste, die Straßenkämpfe, die öffentlichen Massentänze, die Barrikaden und Freiluftkneipen? Triste sieht es mit den deutschen Pflastersteinen aus; man weiß zwar, darunter liegt der Strand, aber oben drauf kotzt einen die Betonhölle sehr wirklich an." Da schwingt natürlich viel Revolutionsfolklore in den Zeilen, aber die Unterüberschrift des Artikels stellt die auch heute zwingende Frage: "Wer hat uns eigentlich die Straße geklaut?"

Kunst braucht Raum und wenn sie gepflegt wird, schafft sie ihn sich. Das Musäum ist ein passender Rahmen dafür. Das tönende Gesamtwerk Valentins hat Trikont 2002 veröffentlicht und damit auch einer Stadt zurückgegeben, die mit dem Erbe des Künstlers lange nicht pfleglich umging. Die Valentin-Edition ist ein Höhepunkt des Labels, das sich bis heute als tönender Schrittmacher auch der Münchner Kultur gehalten hat, weil es sich nicht darauf festlegen ließ, besinnungslos Sekundärmaterial für die Revolution zu veröffentlichen. Trikont hat - und hier liegt ein verlegerischer Gestalterwille, der in sich selber Kunst ist - eine Metaerzählung über das widerständige Bayern entwickelt. Diese reicht hinab bis in die Schellack-Urzeit: Die Serie "Rare Schellacks" bewahrte die zerbrechliche Kleinkunst und die Volkssänger vor dem Vergessen. Die Reihe "Stimmen Bayerns" baut bis heute an einem Hörbild des wilden Landes.

Musik, Krawall und andere schöne Künste, Valentin Karlstadt Musäum, Im Tal 50, bis 8. Sep., Mo-So außer Mi: 11:01-16:59 Uhr

© SZ vom 12.06.2020

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