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Ausbildung:Goldener Schnitt

Adnan Jafar, Deutschlands bester Nachwuchsfriseur, kommt ursprünglich aus Syrien.

(Foto: Gino Dambrowski)

Wenn fremde Haare wichtiger sind als die eigenen: Der Friseur Adnan Jafar hat dieses Jahr die beste Gesellenprüfung in Deutschland abgelegt

Von Anton Kästner

Der Mann, der sich früher nur sehr ungern die Haare schneiden ließ, ist seit einer Woche Deutschlands bester Nachwuchsfriseur. Und noch dazu einer, dem garantiert der Gesprächsstoff nie ausgeht. Ob über seine Gesellenprüfung, die prominenten Kunden in seinem Salon, die Trends in München und Berlin oder auch über seine Schauspielkarriere.

Adnan Jafar trägt an einem Novembermittag sein schwarzes, lockiges Haar lang. Der 25-Jährige schneidet und stylt Haare im Friseursalon Arnoldy & Team auf der Rückseite des Hotels Bayerischer Hof. Wer in den Laden kommt, tritt in eine Kir-Royal-Kulisse, sieht im Gedanken Schimmerlos-Freundin Mona auf einem der schwarzen Lederstühle sitzen und sich den neuen Marines-Look schneiden lassen. Hier fehlt der obligatorische Cappuccino ebenso wenig, wie der kleine, weiße Salonhund.

Arnold Schwarzenegger war schon da, Verlegerin Anneliese Friedmann kam regelmäßig - und seit der Zentralverband des Deutschen Friseur-Handwerks vor einer Woche den "Friseur-Newcomer 2020" gekürt hat, arbeitet nun auch der beste Nachwuchsfriseur Deutschlands im Salon. Adnan Jafar hatte als bundesweit Einziger die Höchstpunktzahl in seiner Gesellenprüfung und damit quasi Gold geholt in der Kategorie Nachwuchsfriseur.

"Einmal kurz bitte", sagt sein nächster Kunde, ein Mann mit blonden, mittellangen Haaren - eine Herausforderung. "Kurzhaarfrisuren sind viel schwieriger, als lange Haare, weil man jeden Fehler sofort sieht", sagt Jafar und legt los.

Zuerst bittet er den Herrn einmal, die Maske kurz abzunehmen. Um jemandem eine Frisur zu empfehlen, müsse man das ganze Gesicht sehen. Der Friseur selbst trägt die Maske die ganze Zeit, während er arbeitet. Besonders mit dem heißen Föhn sei das oft unangenehm, aber was soll man machen. Ob jetzt durch den Lockdown weniger Leute kämen? Einerseits "haben viele im Frühjahr gemerkt, dass sie eigentlich ja gar nicht so oft zum Friseur gehen müssen", antwortet Jafar. Andererseits "kommen mehr Leute zu uns, seitdem die Restaurants und Schwimmbäder geschlossen sind, weil sie ja jetzt nichts zu tun haben".

Jafar kommt aus Syrien, seit vier Jahren lebt er in München. Die Eltern sind in Syrien geblieben, eine Schwester studiert in Russland und eine andere arbeitet in den Vereinigten Arabischen Emiraten. "Eigentlich wollte ich auch studieren", sagt Jafar. Er machte nach dem Deutschkurs allerdings erst einmal zwei Praktika in Friseursalons, dann noch die Ausbildung. Schon daheim in Syrien hatte er Mutter und Schwester immer die Haare geschnitten.

Und warum gerade München? Jafar erzählt von seinem Cousin, der schon in München gelebt habe, kämmt dem Kunden gleichzeitig mit zügigen, aber doch sanften Handbewegungen das nasse Haar zur Seite, arbeitet mit einem Kamm den Scheitel heraus. Dann nimmt er die Schere in die Hand, genau beobachtet durch den weißen Salonhund.

Dabei kann Jafar nicht nur Haare schneiden, auch als Schauspieler war er schon in der Bayerischen Staatsoper zu sehen. Über seinen Cousin habe er in verschiedenen Stücken mitspielen dürfen, die junge Menschen mit und ohne Fluchthintergrund in der Oper aufführen durften, erzählt er, während immer mehr blonde Haare auf Boden und Umhang rieseln. Dann ist man wieder bei den Haaren. Jafar rät, die Haare abends statt morgens zu waschen, so könne die Kopfhaut über Nacht wieder Talg produzieren, um sich gegen die Winterkälte am Tag zu schützen.

Der Haarpflege folgt das Haardesign. Welche Frisuren sind zurzeit in? Komme auf die Stadt an, sagt Jafar, die Münchner seien im Gegensatz zu Berlin eher brav, "es gibt weniger Hingucker-Frisuren", wie knallig gefärbte Haare und Frauen mit Kurzhaarschnitt.

Mit dem Rasierer wäre Jafar in zehn Minuten fertig, aber "mit der Maschine kann man viel weniger auf die Kopfform eingehen". Und auch der Kunde ist zufrieden. Was er denn glaube, welche Frisuren in fünf Jahren im Trend seien? "Ich glaube, es wird nicht mehr so üblich sein, dass Männer Naturhaare tragen", sagt Jafar, "es wird mehr kommen, dass auch Männer sich die Haare färben." Warum? "Vielleicht, weil die Möglichkeiten, sich die Haare zu färben, immer besser werden."

In seinem Salon hat Adnan Jafar Frisurentrends normalerweise gut im Blick. Viele Kunden kommen aus der ganzen Welt, übernachten im Hotel Bayerischer Hof nebenan und machen spontan einen Termin im Salon. "Da gibt es dann natürlich mehr Hingucker-Frisuren als zurzeit, wo nur noch die Münchner kommen", sagt er. Dadurch könne der junge Syrer bei seiner Arbeit auch von seinen Sprachkenntnissen profitieren, im Bayerischen Hof übernachten in der Regel viele Gäste aus arabischen Ländern.

Die nächsten Monate werden es wohl hauptsächlich Einheimische bleiben, denen Jafar die Haare schneidet. Der junge Friseur geht in den letzten Feinschliff, dünnt die Haare an den Seiten mit einer Spezialschere aus. Zum Abschied fragt der Kunde, wann Jafar selbst mal wieder zum Friseur ginge, mit seinen langen Haaren. Der winkt ab. "Die Kollegen würden mir die Haare sofort schneiden, aber ich habe dafür keine Zeit."

© SZ vom 19.11.2020
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