Altenpflege:Vorsichtige Zuversicht nach einem Jahr Pandemie

Im Münchenstift wurde im Verlauf der Corona-Krise jeder fünfte Mitarbeiter und Patient positiv getestet. Dank der Impfungen entspannt sich das Leben nun langsam

Von Sven Loerzer

Das Schlimmste scheint überstanden zu sein, "ein nicht sehr einfaches Jahr liegt hinter uns", sagt die Münchenstift-Aufsichtsratsvorsitzende, Bürgermeisterin Verena Dietl, über das Corona-Jahr 2020. Münchenstift-Chef Siegfried Benker spricht gar vom "schwersten und herausforderndsten Jahr in der Altenpflege, für viele ein traumatisches Jahr". Insgesamt rund 400 der 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und 600 der 2800 Bewohnerinnen und Bewohner wurden im Verlauf der Pandemie positiv auf Corona getestet. Doch inzwischen hat sich die Situation durch die Impfungen entspannt. Rund 92 Prozent der Bewohner seien durch Impfung oder überstandene Infektion immunisiert, ebenso 70 Prozent des Personals. Bis Ende Mai würden nun auch die Bewohner und Mitarbeiter geimpft, deren überstandene Infektion bereits länger als drei bis vier Monate zurückliegt. Aktuell befinde sich nur eine positiv getestete Bewohnerin in Quarantäne, zudem gebe es sieben positiv getestete Mitarbeiter, die durch die regelmäßigen Tests "abgefangen" wurden, wie Benker sagt.

Zahlen, wie viele Bewohner an und mit Corona verstorben sind, will Benker nicht nennen. "Wir haben 600 Bewohner, die positiv waren, und die wohnen noch alle bei uns. Vielleicht kann man daran auch sehen, in welchem Maße es unsere Mitarbeiter geschafft haben, unsere Bewohner durch die Corona-Pandemie zu bringen." Noch immer sind die Ängste vor Ansteckung groß, "Menschen, die dringend auf stationäre Pflege angewiesen sind, zögern, in ein Heim zu gehen", was sich auch an der Belegung ablesen lässt. "Statt 99,6 Prozent normaler Belegung haben wir derzeit 93 Prozent", sagt Benker, "dabei sind unsere Häuser die sichersten Orte der Stadt". Trotzdem ziehen neue Bewohner derzeit oft erst dann in ein Heim, wenn eine angemessene Pflege zu Hause eigentlich schon viel zu lange nicht mehr zu gewährleisten war. "Die Menschen kommen zu uns in einem derart körperlich und demenziell veränderten Zustand, dass sie bei uns oft nur noch zwei bis vier Tage leben. Das heißt, sie kommen in palliativen Situationen." Dabei müssten die Menschen nicht mehr zögern, ins Pflegeheim zu gehen, "statt zu Hause irgendwie durchzuhalten".

Auch die staatlich vorgegebenen Infektionsschutzregeln für Heime würden allmählich gelockert. Besucher müssen sich zwar testen lassen, jedoch dürfen nun auch jeden Tag wieder mehrere Personen zu einem Bewohner kommen, wenn sie einer Familie angehören. Veranstaltungen im Wohnbereich seien wieder möglich. Benker hofft, dass auch die Cafeterien in den Heimen bald wieder mit allen nötigen Vorsichtsmaßnahmen öffnen dürfen. "Wenigstens im Außenbereich", das sei seine Bitte an die Politik, denn die Cafeterien seien ein beliebter Treffpunkt.

Trotz Corona und der Umsetzung der doppelten München-Zulage für die Mitarbeiter habe der gemeinnützige städtische Altenheimträger einen Jahresüberschuss von 700 000 Euro erwirtschaften können. Im Jahr zuvor waren es noch 2,6 Millionen Euro. Wichtig sei der Rettungsschirm gewesen, der geringere Einnahmen durch geringere Belegung ausgeglichen habe. Verena Dietl hob hervor, bei der Mitarbeiterbefragung im Oktober, an der sich 640 Beschäftigte beteiligten, sei die Gesamtzufriedenheit höher gewesen als 2019. 49 Prozent der Befragten (2019: 37 Prozent) gaben an, das Arbeitsklima habe sich verbessert, 76 Prozent (2019: 63 Prozent) würden sich wieder für Münchenstift als Arbeitgeber entscheiden.

Das Corona-Krisenmanagement sei mit der Note 1,8 bewertet worden, so Benker. Gerade zu Beginn der Pandemie sei die Beschaffung von Schutzmaterialien schwierig gewesen, die Preise seien innerhalb von Stunden extrem gestiegen. "Wir haben es geschafft, immer ausreichend Schutzmaterialien zu haben und konnten die Sicherheit unserer Mitarbeiter sicherstellen." Die Teams hätten selbst schwierigste Situationen, als etwa 100 Mitarbeitende im Dezember positiv getestet waren, durch großen Einsatz gemeistert. Zudem hätten sie sich bemüht, die Bewohner zu schützen, "aber nicht komplett abzuschotten", erklärte Verena Dietl. Jeder Wohnbereich sei mit einem Tablet ausgerüstet worden, Mitarbeitende hätten bei der Kontaktaufnahme mit Angehörigen geholfen.

Das Pandemie-Jahr habe die ohnehin vorgesehene Digitalisierung beschleunigt, alle Häuser haben inzwischen Glasfaseranschluss. Trotz Corona konnten 74 Auszubildende die neue generalistische Ausbildung in der Pflege beginnen. Die Anwerbung neuen Personals im Ausland litt dagegen unter den Reise- und Kursbeschränkungen wegen der Pandemie. Insgesamt konnten 42 Pflegekräfte ihre Arbeit aufnehmen, vor allem aus Albanien, Türkei, Tunesien, Serbien und dem Kosovo. Mindestens 100 sollen in diesem Jahr dazukommen.

© SZ vom 26.04.2021
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