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Adventsserie: Stille Zeiten:Das Instrument der Worte

Daniela Esch Dozentin Autorin zur Serie Tagebuch

Daniela Esch.

(Foto: Daria/Picture Peoble Wien/oh)

Daniela Esch sieht therapeutische Effekte im Tagebuchschreiben

Von Jutta Czeguhn

Mir nichts, dir nichts ein paar Wörter aus der Luft gegriffen, wo sie geistern ...", so beginnt die große Lyrikerin Elke Erb im Band "Sonanz" eines ihrer Fünf-Minuten-Notate. Ein paar Jahre hatte sie die Gewohnheit, täglich immer zur gleichen Zeit Notizen in ihr Tagebuch zu machen. Schreibend etwas aus sich herauszulocken, diese Praxis pflegt auch Daniela Esch , "morgens drei Minuten, abends drei Minuten", sagt sie am Telefon und lacht.

Das Instrument der Worte anzustimmen, das Einkehrhalten in sich selbst - für Daniela Esch, Jahrgang 1981, ist das Tagebuchschreiben auch berufliche Praxis. Über ihre Agentur "Vollwortkost" (www.vollwortkost.de) gibt die gelernte Buchhändlerin, Betriebswirtin und Dozentin für kreatives Schreiben Kurse in "Journaling", einer methodischen Form des Tagebuchschreibens. "Es ist unfassbar, wie viele Menschen angefangen haben, wieder Tagebuch zu schreiben oder dies erstmals tun", sagt Esch. Das "Corona-Tagebuch" habe sich gar als eigenes Genre etabliert. Damit meint sie nicht das "Tagebuch für Kontaktpersonen zu Covid-19-Fällen", das man beim Robert-Koch-Institut herunterladen kann. Auch nicht die unzähligen Blogs, in denen Menschen das Bedürfnis ausleben, ihren Alltag in der Kontaktsperre anderen mitzuteilen. Und sich, so Esch, dabei meist automatisch selbst zensieren. Nicht immer in geschliffener Sprache wie der große Diarist Elias Canetti, der gesagt hat, sobald der Verfasser dran denke, dass sein Tagebuch veröffentlicht werden könnte, beginne schon das Fälschen.

In der heutigen Welt der notorischen Selbstoffenbarung sei das Tagebuch, sagt Daniela Esch, "die letzte Bastion des Privaten und Intimen". Sie glaubt an den therapeutisch Effekt des Schreibens, der helfen könne gegen emotionale Isolation. Natürlich sei es eine Tatsache, dass Menschen in unsicheren Zeiten, in Ausnahmezuständen eher den Drang verspürten, nicht nur Chronisten ihres eigenen Lebens zu sein, sondern auch seelischen Ballast loszuwerden. In positiven Lebensphasen, das habe sie bei sich selbst beobachtet, werde das Tagebuch oft vernachlässigt. "Schade eigentlich!" Weshalb sie sich, lange vor der Pandemie, entschlossen habe, diese Kurse zu geben. Die finden nun natürlich online statt, gerade sei ein neuer angelaufen. Eine Dame habe gefragt, ob sie die Einträge auch am Computer machen könne. "Ich habe ihr geraten, dem Papier eine Chance zu geben", sagt Daniela Esch, denn auch die Auswahl eines schönen Heftes, eines feinen Stiftes sei eine Form der Achtsamkeit. Ob all die Gedanken wohl einmal als Dokumente über die Corona-Zeit nachwirken werden wie etwa die Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg? Gut möglich, so Daniela Esch. Für solche Zeitzeugnisse gebe es einen guten Aufbewahrungsort: das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen.

Sich Zeit zu nehmen ist eine Kunst. Davon erzählt der Adventskalender der Stadtviertel-Redaktion. Am Mittwoch: die Schwabinger Porzellanklinik der Gebrüder Deesy.

© SZ vom 01.12.2020
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