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80 Jahre "Euthanasie"-Verbrechen:"Grausam und kaum zu ertragen"

Das Innenministerium erinnert an die Krankenmorde des NS-Regimes und die erste Deportation aus Eglfing-Haar

Er ahnte, was kommen würde: der Tod. Am 19. Juni 1941 schrieb Johann Ascheneller aus der Heil- und Pflegeanstalt Haar einen Brief an seine Mutter. "Da ich von hier fort muss u. nicht weiss wohin, will ich Euch die letzten Zeilen schreiben. Es ist hart für mich. Ich sage allen herzlichen Dank u. auf Wiedersehen, wenn nicht auf dieser Welt, dann hoffentlich im Himmel!!" Das Wort "hoffentlich" hatte der 24-Jährige unterstrichen. Einen Tag später war er tot, ermordet in der Vernichtungsanstalt Hartheim in Oberösterreich. Eines von mehr als 300 000 Opfern der nationalsozialistischen Krankenmorde, die mit unvergleichlichem Zynismus als "Gnadentod" bezeichnet wurden.

Gemeint war die Ermordung von behinderten und psychisch kranken Menschen in Gaskammern, durch Verhungernlassen und - vor allem bei Kindern - mit Luminal. In leichter Überdosierung führte das Betäubungsmittel bei gleichzeitiger Unterernährung dazu, dass die Opfer binnen weniger Tage an Lungenentzündung starben. So konnten die Ärzte möglichst unauffällig morden. Allein in Bayern wurden 695 Kinder auf diese Weise umgebracht.

Am 18. Januar 1940 wurden die ersten als "lebensunwert" aussortierten Menschen, 25 Männer im Alter von 26 bis 71 Jahren aus der Anstalt Eglfing-Haar ins württembergische Grafeneck deportiert und dort in einer Gaskammer ermordet. Die Namen dieser Opfer wurden am Samstag bei einer Gedenkfeier im Lichthof des Innenministeriums verlesen. Zur gleichen Zeit fand auch im Isar-Amper-Klinikum in Haar eine Gedenkfeier statt.

"Dieser grausame und kaum zu ertragende Teil unserer deutschen Vergangenheit und auch der Geschichte des Bayerischen Innenministeriums erfüllt uns alle mit tiefer Scham und Trauer", sagte Innenminister Joachim Herrmann in München. Der 18. Januar sei auf traurige und beschämende Weise mit dem Bayerischen Innenministerium verbunden, denn das Innenressort war damals für den Vollzug der Krankenmorde zuständig. "Schon beim Ausdruck 'Euthanasie' sträuben sich mir die Nackenhaare", sagte Herrmann erkennbar bewegt. "Mit diesem zynischen Euphemismus haben die Nazis versucht, ihre menschenverachtende Praxis zu verharmlosen." Für den Innenminister zeigt der Blick in die Vergangenheit, dass Humanität, Rechtsstaat und die Würde des Menschen keine Selbstverständlichkeit seien. Deshalb dürfe man nicht hinnehmen, "wenn geistige Brandstifter heute unverhohlen eine 180-Grad-Wende unserer deutschen Erinnerungskultur fordern oder den Holocaust zum 'Vogelschiss' unserer Geschichte verharmlosen", sagte Herrmann an die Adresse der AfD, ohne deren Namen zu nennen. "Im Gegenteil", betonte er, "wir brauchen noch mehr Erinnerungskultur. (...) Und wir dürfen noch viel weniger zulassen, dass wieder mit zunehmender Intensität gehetzt wird - sei es im Netz oder der Wirklichkeit, sei es gegen Menschen mit Behinderung, Juden, Homosexuelle oder Migranten."

Herrmann dankte den Initiatoren der Gedenkinitiative "Euthanasie"-Opfer München, dem Psychiater Michael von Cranach und der Historikerin Sibylle von Tiedemann, die durch ihre Forschung die historische Aufarbeitung der NS-Krankenmorde maßgeblich vorangetrieben hätten. Viel zu lange, so Herrmann, hätten die Stimmen der Überlebenden und Angehörigen kaum Gehör gefunden. Betroffene, die nachfragten, was mit ihren Angehörigen passiert sei, seien über Jahrzehnte im Unklaren gelassen oder angelogen worden.

Das Schweigen der Ärzte und der Bürokratie kam nicht von ungefähr. Cranach erinnerte daran, dass der Leiter der Gesundheitsabteilung im Innenministerium, Walter Schultze, bis zu seinem Tod 1979 in Krailling nie rechtskräftig verurteilt wurde - obwohl er Mitorganisator der Ermordung von 17 000 behinderten Menschen aus Bayern war. An dem Vernichtungsprogramm sei "die Elite der deutschen Psychiatrie" beteiligt gewesen, sagte Cranach - "wissend um das Ungesetzliche ihrer Tat". Die Morde waren laut Cranach "rein ökonomisch begründet", man habe - wie es damals hieß - "Ballastexistenzen" beseitigen wollen. Solche Gedanken habe es schon vor 1933 gegeben. "Die Nazis", sagte Cranach, "machten es möglich, dass aus Gedanken Taten wurden." Unter dem Beifall der geladenen Gäste skizzierte der Psychiater seine Vision: die einer Welt, in der "Behinderung nicht als Defizit betrachtet wird, sondern als eine von vielen menschlichen Seinsformen."

Sehenswert: Im Lichthof des Innenministeriums am Münchner Odeonsplatz ist vom 20. bis zum 24. Januar eine Ausstellung mit dem Titel Gedenken an die Opfer des NS-"Euthanasie"-Programms zu sehen. Die Ausstellung ist von jeweils 11 Uhr bis 14 Uhr für den Publikumsverkehr geöffnet.

© SZ vom 20.01.2020
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