50 Jahre Krawalle in München Als hätten sie es mit Schwerkriminellen zu tun

Aus heutiger Sicht ist es schwer verständlich, warum die Ordnungshüter von Anfang an mit äußerster Härte einschritten. Richtig ist gewiss, dass die Münchner Stadtpolizei kaum Erfahrungen mit Ausschreitungen dieser Art hatte. Es wäre aber klug gewesen, nach dem desaströsen Einsatz vom 21. Juni die eigene Taktik zu überprüfen. Denn was folgte, war dann doch nicht so überraschend und geschah nach immer gleichem Muster: Am Abend versammelten sich die jungen Leute auf der Leopoldstraße, sie blockierten den Verkehr und trieben auf der Fahrbahn allerlei Unfug. Es gab auch Demonstranten, die Steine und Flaschen warfen und die Polizeifahrzeuge attackierten.

Historische Fotos von den Schwabinger Krawallen

Nächte des Aufruhrs

Am 22. und 23. Juni beteiligten sich jeweils bis zu 10.000 Menschen an den Auseinandersetzungen, die in Straßenschlachten ausarteten. Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel forderte am 22. Juni aus einem Lautsprecherwagen die Protestierer auf, die Straße zu räumen. "Er klang ziemlich aggressiv", erinnert sich Michael Erber, einer der fünf Straßenmusiker von der Leopoldstraße. Es half nichts, Vogels Worte "wurden mit Gelächter quittiert".

Die Polizei sah offenbar keinen Anlass, die Situation zu entschärfen. Im Gegenteil. Die Beamten, unter ihnen auch eine Reiterstaffel, langten zu, als hätten sie es mit Schwerkriminellen zu tun. In der Nacht zum 24. Juni erlitten 14 Protestler schwere Verletzungen, einer von ihnen schwebte in Lebensgefahr.

Mit Fußtritten und Knüppelschlägen aufgetrieben

Ein Augenzeuge schrieb in sein Tagebuch: "An den Hauswänden lehnen junge Männer, die, halb bewusstlos geprügelt, die Hände über den Kopf halten. In der Hohenzollernstraße sehe ich, wie ein junger Mann, der zwischen den Straßenbahnschienen gestürzt liegt, von Polizisten mit Fußtritten und Knüppelschlägen aufgetrieben wird."

Auch Kurt Seelmann, den damaligen Leiter des Stadtjugendamtes, traktierten Beamte mit Gummiknüppeln. Der US-amerikanische Vizekonsul wurde gleich an zwei Abenden Opfer der Knüppelorgie, eine besonders peinliche Angelegenheit für die Stadt.

Fraglos gab es auch auf der anderen Seite Personen, die den Aufruhr zu gewaltsamen Attacken auf die Beamten nutzten. Auch Polizisten wurden verletzt, von den Schimpftiraden, denen sie ausgesetzt waren, gar nicht zu reden. Von einem geglückten Polizeieinsatz konnte angesichts der verheerenden Bilanz kaum die Rede sein, das sah nach einiger Zeit selbst das Polizeipräsidium so. Die Taktik der Einsatzleitung um den seit 1952 amtierenden Polizeipräsidenten Anton Heigl orientierte sich, schreibt Michael Sturm in besagtem Buch über die Krawallnächte, "an Konzepten, die im Wesentlichen aus der Zeit der Weimarer Republik stammten".

Wie die aussahen, hat Heigls Nachfolger Manfred Schreiber später so geschildert: "Aufsitzen, Ausrücken, Absitzen, Räumen, Aufsitzen, Einrücken, Essenfassen." Deeskalation spielte dabei eine geringe Rolle. Schreiber machte sich bald daran, die Einsatztaktik zu reformieren. Eine der Neuerungen war, einen Polizeipsychologen in Dienst zu stellen.

Bereits im August 1962 begann das juristische Nachspiel der Krawalle. Gegen 248 Personen leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren wegen "Aufruhrs", "Auflaufs" oder "Landfriedensbruchs" ein. In 54 Fällen verhängten die Richter Geldbußen, Jugendarrest oder Gefängnisstrafen. Auch gegen 143 Polizisten ermittelte die Staatsanwaltschaft, zumeist wegen "Körperverletzung im Amt". Nur einer der Beamten wurde rechtskräftig verurteilt.

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