Ukraine:Eine für alle

Lesezeit: 3 min

Ukraine: Nicht aufgeben auf dem Trümmerhaufen: Lilia Bondarenko in Baschtanka.

Nicht aufgeben auf dem Trümmerhaufen: Lilia Bondarenko in Baschtanka.

(Foto: Fedir Petrov/Fedir Petrov)

Die Ukrainerin Lilia Bondarenko kümmert sich an der Frontlinie um Essen, Tarnnetze und Medizin. Sie ist eine von vielen, die das Land unter Beschuss zusammenhalten.

Von Jan Heidtmann

Spätestens nach einer halben Stunde mit Lilia Bondarenko wird der Song, der ihr Handy-Klingelton ist, zum Ohrwurm. "Moskau brennt, Moskau geht unter", lautet der Refrain von "Moskva horila", eines der Lieder, die in der Ukraine seit dem Angriff der Russen populär sind. Vereinfacht gesagt, hält Bondarenko hier in dem südlichen Bezirk Baschtanka an der ukrainisch-russischen Frontlinie den Laden am Laufen. Auch samstags und sonntags klingelt ihr Telefon ohne Unterlass. "Ich arbeite eigentlich seit dem 24. Februar ohne Pause", sagt sie lachend.

In der ganzen Ukraine sorgen Menschen wie Lilia Bondarenko dafür, dass das Land trotz der desolaten Kriegslage nicht zusammenbricht: Die Wirtschaft ist am Boden, die Arbeitslosigkeit steigt, an allen Ecken und Enden fehlt es an irgendetwas. "Beschaff uns dies, besorg uns das, darum geht's bei den meisten Anrufen", erklärt sie. Dazu gehören vor allem Essensspenden, medizinisches Gerät für das lokale Krankenhaus oder Tarnnetze. Denn seit der russischen Invasion müssen nicht nur die 20 Dörfer des Bezirks im Süden des Landes mit dem Nötigsten versorgt werden, sondern auch das Militär.

Vor zwei Wochen kam ein reicher Amerikaner mit einem vollgepackten Kleinlaster. Ein Glück

Vor zwei Wochen hat sie einen seltenen Glücksmoment erlebt. Da kam ein wohlhabender Amerikaner aus Florida gleich selbst mit einem Van und einem Kleinlaster vorbei. Vollgepackt mit Gerätschaften, um Wasser aufzubereiten, und mit Schlauchbooten, um Verletzte über den Fluss an der Frontlinie bringen zu können. Die Ein-Mann-NGO war aber offenbar auch eine Selbstdarstellungsnummer: Ausgestattet mit Helm, Schutzweste und einer Zigarre im Mundwinkel habe der Spender ständig Selfies von sich gemacht. "Der hat schon Eindruck hinterlassen", sagt sie. "Aber er hat Angst gehabt." Das habe sie an seiner Ausrüstung sehen können.

Bondarenko, 35, ist inzwischen in fast jedem Winkel des Bezirks bekannt. Ein Grund ist bestimmt, dass der Kontrast ihres Auftritts zum kriegsgetriebenen Alltag kaum größer sein könnte: blondierte Haare, verlängerte Wimpern, neongelbe Hose und hochhackige Schuhe an den Füßen. Ein Signal, sich nicht unterkriegen zu lassen. Selbst wenn die Russen immer wieder mit Granaten auf die Kreishauptstadt Baschtanka schießen. Die Hälfte des Kreisverwaltungsgebäudes zum Beispiel steht zwar noch, aber ihr Büro ist nur ein Haufen Schutt. Sorgen mache sie sich wegen der ständigen Bedrohung aber kaum. "Nein, nicht wirklich", sagt sie.

Bondarenko hat ihr ganzes Leben in Baschtanka verbracht. Sie ist die stellvertretende Bezirkschefin, also so etwas wie eine Vizelandrätin. "Vor dem Krieg hat sich in der Gegend viel getan", erzählt sie. Die Straßen seien erneuert worden, Firmen hätten investiert. Ob sie sich jemals hätte vorstellen können, dass der Krieg hierherkommt? "Das wollte ich selbst am 24. Februar noch nicht glauben."

Wenn die Russen kommen, wissen Großmutter und Tochter, was zu tun ist: sich in die Badewanne legen

Bondarenko ist geschieden, wenn sie im Bezirk unterwegs ist, kümmert sich die Großmutter um ihre Tochter. Die ist gerade einmal sieben Jahre alt. Doch "wenn die Russen wieder angreifen, dann weiß sie, was zu tun ist", sagt Bondarenko. In der Badewanne liege seit Monate eine Matratze bereit, da müssen sie dann hin. Die Wände einer Badewanne als Schutz vor Granaten. Viele ihrer Freunde seien längst nach Polen oder Tschechien geflohen, erzählt Bondarenko. Aber: "Hier ist meine Arbeit. Solange ich hier nützlich bin, bleibe ich." Jetzt gehe es darum, über den Winter zu kommen.

Seit Wochen versuche sie, die Einwohner davon zu überzeugen, aus der Gegend wegzugehen. Ständig drohe die Gefahr, dass die Russen angreifen; vor allem aber fehle es an Energie für den Winter. Strom und Gas kamen bislang aus der Stadt Cherson, dort regieren jetzt die Russen. "Die Leute hier wollen trotzdem nicht gehen", sagt sie. Also wird Lilia Bondarenko wieder viel telefonieren müssen. Diesmal, um Brennholz und Briketts zu beschaffen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB