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Lockdown-Verschärfung:Mehr Empathie, bitte!

Zu einer Demokratie gehört der Streit und zu einer Koalition die Reibung. Ausgerechnet jetzt aber, da Bund und Länder die Einschränkungen im Kampf gegen Covid-19 noch einmal verschärfen, wäre etwas anderes viel wichtiger.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Noch schärfere Einschränkungen, noch weniger Kontakte, noch weniger Freiraum - wer vor Weihnachten gehofft hatte, das Schlimmste im Kampf gegen Covid-19 sei bald überstanden, muss nun die nächste Enttäuschung ertragen. Auch wenn die Infektionszahlen allmählich sinken, die Zahl der Toten ist weiter besorgniserregend hoch. Und so bleibt wenig Spielraum, um schon jetzt eine Entspannung einzuleiten. So jedenfalls sehen es die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten, die deshalb den Lockdown bis Ende Januar verlängert haben. 2021 beginnt nicht mit einer Erleichterung.

Angesichts dessen werden sicher bald Stimmen laut werden, die fragen, ob das wirklich sein muss. Gibt es keine Alternative? Müssen die Menschen wirklich auch das noch aushalten? Die Fragen sind berechtigt und verlangen nach einer Antwort. Aber bei manchem schwingt vor allem der Verdacht mit, dass die Entscheider im Regierungsamt allzu viel Gefallen am harten Durchgreifen gefunden haben könnten. Für diese Vermutung gibt es, wenn man auf die letzten zehn Monate schaut, keinen wirklichen Anlass.

Niemand in Verantwortung hat darauf spekuliert, sich nun einmal so ordentlich aufspielen zu können. Im Bund und in den Ländern gibt es Eigenbrötler und fest Entschlossene, es gibt Zweifler und Besserwisser. Vor allem aber gilt für viele von der Kanzlerin abwärts, dass sie sich seit Ausbruch der Pandemie immer mehr Sorgen machen. Darunter sind Ministerpräsidenten wie Michael Kretschmer aus Sachsen (CDU) oder Bodo Ramelow aus Thüringen (Die Linke), die lange Zeit auf einen sanfteren Kurs setzten und mittlerweile mit schrecklich vielen Toten zu kämpfen haben.

Die Einschränkungen sind eine Qual - das muss jeden Tag neu ausgesprochen werden

Wer auf die Intensivstationen schaut, weiß, was auf dem Spiel steht: Die Kontrolle darf nicht verloren gehen. Das muss gerade jetzt, nach diesen harten Beschlüssen, noch einmal betont werden. Es geht nicht mehr um dieses oder jenes politische Thema; es geht um den Schutz vor dem Tod durch das Virus.

Gleichzeitig ist unbestritten, dass die Einschränkungen gravierend sind. Sie sind eine Qual, sie treffen viele Menschen auf ganz unterschiedliche Weise. Ob Künstler oder Geschäftsleute, Restaurantbetreiber und ihre Mitarbeiter, ob Kinder, Alleinerziehende oder Familien - für alle wird diese Pandemie zu einer großen Anstrengung und nicht selten zur existenziellen Bedrohung. Das anzuerkennen ist nicht nur eine notwendige Fußnote. Es muss jeden Tag neu ausgesprochen und gewürdigt werden. Von der Kanzlerin bis zu jedem einzelnen Ministerpräsidenten.

Allein: Genau das geschieht zu wenig. Gleich zu Beginn der Krise vor zehn Monaten nutzte Angela Merkel ein Mal eine Fernsehansprache, um für jede und jeden erlebbar zu machen, dass sie nicht nur das Virus umtreibt, sondern auch die Ängste der Menschen. Sie bemühte sich, Empathie zu zeigen. Und sie legte offen, wie schwer ihr die Abwägung fällt, an jedem Tag von Neuem.

Die Wirkung war enorm, die Zustimmung war groß; die Menschen nahmen ihr ab, dass ihr die Einschränkungen schwer fielen. Seither aber hat es Vergleichbares kaum mehr gegeben. Nicht von ihr und auch nicht von den Ministerpräsidenten. Die Neujahrsansprache, ja. Ein leidenschaftlicher Auftritt im Parlament, auch das. Aber nicht den dauerhaften Versuch, den Leidtragenden immer und immer wieder die Zwänge zu erklären und die Ängste zu nehmen.

Wie wichtig das wäre, zeigt ein Blick auf Schulen, Familien und Millionen Kinder. Gefühlt fallen sie mit den jüngsten Beschlüssen zurück in das Frühjahr des vergangenen Jahres - und sind entsetzt, weil sich offenbar so gar nichts geändert hat. Angesichts dessen wäre es ein unverzeihliches Versäumnis der Kanzlerin und ihrer Länderkollegen, es beim kurzen Auftritt am Dienstagabend zu belassen. Gerade ihnen muss jetzt wieder und wieder berichtet werden, was bisher geschah, was zur Abfederung geplant ist - und warum jetzt trotzdem kein anderer Weg möglich ist.

So unangenehm es ist und so kompliziert die Verhältnisse mit 16 Kultusministern und Ministerinnen sein mögen - es braucht den Mut, gerade in einem solchen Sturm den Kurs zu erklären.

Die Politik wandelt auf einem immer schmäler werdenden Grad. Umso wichtiger ist es, leidenschaftlich zu werben. Sonst könnte die Unterstützung einer immer noch breiten Mehrheit schwinden. Diese Mehrheit aber ist das wichtigste Gut, das die politischen Entscheider welcher Partei auch immer haben.

© SZ/fued
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