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Corona:Das Ende ist nah

Coronavirus - Astrazeneca

Im Juni läuft der bestehende Liefervertrag zwischen der EU und Astra Zeneca aus.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Angesichts sinkender Corona-Zahlen werden die Rufe nach mehr Freiheit für alle lauter. Doch Lockerungen wären jetzt fatal. Weshalb es noch ein paar Wochen durchzuhalten gilt.

Von Christina Berndt

Öffnen! Lockern! Man hört sie wieder, die Rufe der Ungeduldigen. Sie verlangen nach mehr Freiheiten - jetzt erst recht, da Geimpfte und Genesene in den Genuss von Lockerungen kommen, nach denen sich auch die anderen, die Nichtgeimpften und Nie-krank-Gewesenen, sehnen: Menschen zu treffen, ohne sie vorher abzählen zu müssen. Sommerschuhe zu kaufen ohne Würgen im Hals. Urlaubsreisen zu buchen frei von Nachforschungen, wie man rechtzeitig an ein Testergebnis kommt.

Die Infektionszahlen fallen derzeit fast überall steil ab. Bald wird die Inzidenz in den allermeisten Landkreisen unter 100 gerutscht sein, die Bundesnotbremse wird dann nicht mehr greifen, und die Macht über die Lockerungen wird auf die unberechenbaren Landesfürsten übergehen. Das ist eine Gefahr. Denn so verständlich die Sehnsucht nach Freiheiten für alle angesichts sinkender Infektionszahlen ist, so fatal kann es sein, ihr jetzt nachzugeben.

Mehrmals schon haben die Menschen das zu spüren bekommen. Zuletzt wurde im Februar blind drauflos gelockert, obwohl die Ausbreitung der britischen Mutante B.1.1.7 das erneute Ansteigen der Kurve unausweichlich machte. Vorschnelle Lockerungen haben zu jeder Zeit der Pandemie kurze Freude ausgelöst, aber sie haben die Last durch Corona am Ende nur größer gemacht. Menschen sind schwer krank geworden oder gestorben, die Maßnahmen zogen sich in die Länge, der wirtschaftliche Schaden summierte sich auf. Es wäre zu blöd, wenn das jetzt, auf den letzten Metern, noch einmal passierte.

Die dritte Welle ist gebrochen, und es wird wahrscheinlich die letzte große Welle der Pandemie in Deutschland gewesen sein. Allerdings nur, wenn die Menschen weiterhin vorsichtig sind und Politiker sich nicht zu unüberlegten Öffnungen hinreißen lassen. Ohne deutliche Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus geht es noch nicht. Zu leicht kann Corona wieder aufflammen. Es sind einfach noch zu wenige Menschen geimpft.

Vor diesem Hintergrund kann man über den Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), das Impfintervall für den Astra-Zeneca-Impfstoff auf vier Wochen zu verkürzen, nur den Kopf schütteln. Eine schnellere zweite Impfung bedeutet für die so Geimpften einen geringeren Schutz und verzögert noch dazu die Chancen anderer Menschen auf eine erste Impfung und damit einen ersten Schutz. Solange nur Menschen das kürzere Intervall nutzen, die sich sonst gar nicht impfen lassen würden, könnte die Gesellschaft eines Tages davon profitieren. Das gilt aber noch nicht: Derzeit gibt es noch genügend ungeschützte Bürger mit einem erhöhten Risiko für eine Ansteckung oder einem schweren Covid-19-Verlauf. Man kann daher nur hoffen, dass Ärzte und Bürger klüger sind als der Minister und dieses Angebot nicht nutzen.

Das Ende der wohl letzten schlimmen Welle der Pandemie ist jetzt absehbar. Das sollte eine Motivation sein: Es gilt schließlich nur noch ein paar Wochen durchzuhalten. Ende Juni wird die Zahl der Geimpften so angewachsen sein, dass die Impfungen bevölkerungsweit einen guten Schutz gegen das Virus bieten. Dann sind Lockerungen nachhaltig und ohne Blutzoll möglich, aber bis dahin sind noch einmal Solidarität und Durchhaltevermögen gefragt. So kurz vor dem Zugang zu einer Impfung für jeden sollten Menschen nicht mehr schwer erkranken oder sterben müssen.

© SZ
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