Initiative #actout:Wie wir lieben wollen

Initiative #actout: Die mehr als 180 Schauspielenden, die sich zum Aktionsbündnis #actout zusammengeschlossen haben, wollen nicht nur für andere Wegbereiter sein.

Die mehr als 180 Schauspielenden, die sich zum Aktionsbündnis #actout zusammengeschlossen haben, wollen nicht nur für andere Wegbereiter sein.

Neue Bilder, andere Lebensgeschichten, kürzere Wege aufeinander zu: Warum eine Sichtbarkeit von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Nicht-Binären und trans Personen in Film und Fernsehen so wichtig ist.

Kommentar von Lara Fritzsche

Erinnert sich noch jemand an diese so eindrücklich gespielte lesbische Kreuzfahrtschiffkapitänin neulich? Oder diesen tollen Film, in dem der Pferdezüchter und der Florist vor südenglischer Kulisse um ihre jahrzehntealte Liebe kämpfen? Oder diese Serie mit der zweifachen Mutter in der Nebenrolle, die behauptet, sie gehe zu ihrem Teilzeitjob, und stattdessen liebt sie halbtags eine Postbotin. Nein? Eben.

Das ist ein Problem. Wenn nicht für den einen oder die andere persönlich, dann womöglich für den Dritten, die Dritte, eine nicht-binäre dritte Person, die, wie es ein Schauspieler der #actout-Gruppe so schön formulierte, somit aus einer Welt kommt, die ihm nicht von sich erzählt hat. Oder wenn, dann nur in Verbindung mit Kriminalität, Gewalt und Tod.

Repräsentation ist wichtig und hat die große Macht, eine Möglichkeit zu leben aufzuzeigen. Sie ist nicht der unkritische Personenkult für politisch Naive, als die sie manchmal dargestellt wird. Auf solche Schmähungen kann nur kommen, wer vom Kindergarten-Ausflug ins Museum bis zum Geschichtsseminar an der Universität keinen Ausschluss erlebt hat, sondern immer Möglichkeiten begegnet ist.

Jede prominente Person, die sich outet, ist eine sichtbar gewordene Option, so zu lieben, wie man es sich wünscht, es sich aber an einer beträchtlichen Zahl von Tagen im Jahr noch nicht offen traut.

Nicht-binär zu sein, sollte nicht mehr als Abweichung von einer Norm gedacht werden

Die mehr als 180 Schauspielenden, die sich zum Aktionsbündnis #actout zusammengeschlossen haben, wollen sich nicht nur als Einzelpersonen mit ihrem Begehren zeigen und für andere Wegbereiter sein, sie fordern auch mehr Sichtbarkeit für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Nicht-Binäre und trans Personen in Film und Fernsehen. Das ist nur folgerichtig. Denn etwa lesbisch oder nicht-binär zu sein, sollte nicht mehr als Abweichung gedacht werden, sondern auch gesamtgesellschaftlich als Option zu leben und zu lieben. Deswegen braucht auch die Gesellschaft Rollenmodelle.

Wenn man sich das Coming-out als zurückzulegenden Weg vorstellt, dann gibt es keinen guten Grund, warum ein Teil des Weges nicht von der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft zurückgelegt werden sollte. Stattdessen müssen sich Homosexuelle erklären, ausdeuten und falsch einschätzen lassen, Nicht-Binäre dem Gegenüber eine Art Lageplan ihrer Identität beifügen und trans Personen jede äußerliche Veränderung offenlegen - alles damit angeblich klar werde, mit wem man es denn nun genau zu tun hat. Verlangt wird, das ja gerade so ersehnte Dazwischensein aufzudröseln, nur damit alle anderen nicht an ihr Raster ranmüssen.

Keine marginalisierte Gruppe muss sich erklären

Es ist aber Zeit, das eigene Raster anzupassen. Keine marginalisierte Gruppe, seien es LGBTIQs oder auch BPoCs haben die Aufgabe, sich zu erklären, für ihr Dazugehören zu werben oder kostenlose Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie sind weder in der Pflicht, sich ständig zu irgendeiner vermeintlichen Normalität in Relation zu setzen, noch sich mit ihrem Schmerz permanent zu entblößen. Es ist die Aufgabe der Gegenüber, der heteronormativen, weißen, privilegierten Menschen, den zu gehenden Weg mitten in die Gesellschaft so kurz wie möglich zu gestalten - für jede, jeden und jede nicht-binäre Person. Und so weit wie möglich all jenen entgegenzugehen, für die die einzelnen Schritte größer sind. Das kann man christlich nennen, sozialdemokratisch oder es einfach machen, weil man es kann.

Repräsentation ist nicht alles, aber eine Gesellschaft, die eine inklusive Sprache spricht und schreibt, die neue Bilder zeigt und konsumiert, die andere Lebensgeschichten erzählt, verkürzt die Wege für alle aufeinander zu.

Es ist schwerer, die Kapitänin zu sein, wenn man sie nie sieht. Es ist nicht leicht, der Florist zu sein, wenn der nie auftaucht. Es ist leichter, der Kapitänin zu begegnen, wenn man sie schon mal gesehen hat. Es ist gar nicht schwer, den Floristen zu verstehen, wenn von ihm schon mal erzählt wurde.

Und dass dabei das Fernsehen ein bisschen aufregender wird, kann auch nicht schaden.

© SZ
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folkerts und co 4:3

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