ZDF Weiblicher, jünger, erfolgreicher

Mit dem Film Systemsprenger (hier Helena Zengel als Benni) hat Regisseurin Nora Fingscheidt zuletzt überzeugt. Das ZDF hat sie schon länger auf dem Schirm.

(Foto: Yunus Roy Imer/ZDF)

Auf den besten Sendeplätzen führen noch immer hauptsächlich Männer Regie: Wie das Kleine Fernsehspiel des ZDF Filmemacherinnen fördern möchte - und warum es auch um Konkurrenzfähigkeit geht.

Von Anna Steinbauer

Eva, 25, Dichterin, Model, Sex-Arbeiterin, Feministin, Influencerin. In der Welt verloren, im Internet zu Hause. Privatsphäre hält sie für ein überholtes Konzept, ihr Leben inklusive intimer Details teilt sie mit der Öffentlichkeit. Diese ebenso interessante wie zwiespältige Hauptfigur stellte die Regisseurin Pia Hellenthal ins Zentrum ihrer Doku Searching Eva. Der Film lief bei der diesjährigen Berlinale als eine von zwölf Coproduktionen des Kleinen Fernsehspiels, jener ZDF-Redaktion, die schon seit 1963 den filmischen Nachwuchs fördert.

"In einer zugespitzten Form erzählt die Doku auch etwas über eine Generation, zumindest darüber, wo es sich hin entwickelt", sagt Claudia Tronnier, die seit zehn Jahren die Redaktion des Kleinen Fernsehspiels leitet. Digitalisierung, Social Media und Streamingdienste hätten die Medienwelt verändert; je jünger die Zuschauer seien, desto weniger konsumierten sie Fernsehen. "Man muss sich überlegen, wie und wo man die Leute eigentlich erreichen kann", sagt Tronnier. "Und das schaffen eher Nachwuchsautoren und -regisseurinnen als diejenigen, die schon seit zwanzig Jahren Filme in der Primetime machen."

Die jüngste Berlinale belegte den guten Riecher der ZDF-Redaktion für Talente: Neben drei Filmen in der Lola-Reihe (die für den Deutschen Filmpreis vorausgewählt sind) gab es neun vom Kleinen Fernsehspiel koproduzierte aktuelle Werke, die Hälfte von Regisseurinnen. Eine Tatsache, die nicht nur erfreulich, sondern auch höchst zukunftsweisend ist. Die durchweg starken Filme mit ungewöhnlichen Frauenfiguren waren über alle Sektionen und Genres des Festivals verteilt: Der Spielfilm Systemsprenger von Nora Fingscheidt lief im Wettbewerb und wurde mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet, Flatland von Jenna Bass eröffnete das "Panorama", die Doku Born in Evin von Maryam Zaree war in der "Perspektive Deutsches Kino" zu sehen und wurde als bester Film der Reihe ausgezeichnet. Dies alles macht Hoffnung, sieht es sonst doch noch immer recht düster aus, was die weibliche Perspektive und den Anteil an Regisseurinnen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen angeht. Die Zahlen des letzten Diversitätsberichts des Bundesverbands Regie für das Jahr 2017 sind alarmierend: Lediglich 16,9 Prozent der gesamten Sendezeit wurden von Frauen bespielt.

Ein Acht-Punkte-Plan für mehr Frauen vor und hinter der Kamera

Diese Statistik und die #metoo-Debatte hätten im ZDF ein Umdenken bewirkt, der Sender habe einer überfälligen Verantwortung zur Gleichstellung von Frauen und Männern nachkommen wollen, so Tronnier: "Alle waren sich einig, dass etwas passieren muss. Wir wollten aber keine Quote ausrufen. Wir streben Parität an, setzen aber andere Maßnahmen an." Vor zwei Jahren entstand ein Acht-Punkte-Plan, der unter anderem eine Kalkulation von Kinderbetreuungszeiten, eine Vorschlagspflicht von Regisseurinnen für alle Produzenten für Auftrags- und Koproduktionen sowie ein Monitoring vorsieht, das die Anzahl von Frauen vor und hinter der Kamera und in anderen Stabsfunktionen überwacht.

Nun will das ZDF auch den weiblichen Filmnachwuchs stärken: mit einem gezielten Förderprogramm für Regisseurinnen. "Wir wollen den Filmemacherinnen den Weg in die Primetime erleichtern und die Talente nicht verlieren, mit denen wir schon erfolgreich zusammengearbeitet haben", sagt Redaktionsleiterin Tronnier. "Wir brauchen diese Talente, um das Programm zu erneuern und zu erfrischen." Je zwei Regisseurinnen sollen ab jetzt drei Jahre lang einen Mentor oder eine Mentorin zur Seite bekommen, um sie im Sender mit Redakteuren und Produzenten zu vernetzen. Sie hospitieren zunächst bei einer Vorabendserie und einem Fernsehfilm in der Primetime und führen dann selbst Regie. Jährlich werden die Kandidatinnen aus dem Pool der Regisseurinnen ausgewählt, deren Abschluss- oder Debütfilm bereits in erfolgreicher Zusammenarbeit mit dem Kleinen Fernsehspiel entstanden ist.

"Die Erfahrung hat gezeigt, dass es eine Lücke zwischen dem Nachwuchsfilm und den Filmen gibt, die auf anderen Sendeplätzen laufen. Das betrifft Frauen in weit stärkerem Maße als Männer", sagt Tronnier, die bedauert, dass laut des Berichts die Regisseurinnen vermehrt im Vorabendprogramm und bei Formaten bis 60 Minuten zu finden seien. Wenn irgendwann eine Parität erreicht sei, also genauso viele Frauen auf den anderen Sendeplätzen bis Null Uhr Regie führten wie Männer, "dann würden wir das Programm auch auf Männer ausweiten", sagt die Redaktionsleiterin. Die Zahlen seien noch immer nicht toll. Es gäbe zwar im Gegensatz zu 2015 schon einen Anstieg regieführender Frauen, das reiche aber noch nicht: "Es wird noch etwas dauern, ich will keine Prognosen abgeben aber es passiert einiges", so Tronnier.

Nina Vukovic und Nora Fingscheidt sind die ersten beiden Regisseurinnen, die für das Förderprogramm ausgewählt wurden und denen bereits Mentoren zur Seite gestellt worden sind. Die Filmhochschulabschlussfilme beider Regisseurinnen wurden bereits vom Kleinen Fernsehspiel coproduziert (Vukovic: Detour, Fingscheidt: Ohne diese Welt). Nora Fingscheidt machte jüngst auf der Berlinale mit ihrem Spielfilmdebüt Systemsprenger über ein neunjähriges Mädchen mit Aggressionsproblem, das durch alle Raster des Sozialsystems fällt, von sich reden. Das Drehbuch überzeugte die ZDF-Redaktion auf Anhieb, man halte Fingscheidt für ein großes dokumentarisches und fiktionales Talent, sagt Claudia Tronnier: "Wir versuchen auch immer, zusammen mit den Regisseuren und Regisseurinnen ein Wagnis einzugehen."

In den letzten Jahren ist beim ZDF das Bewusstsein für die Wichtigkeit gestiegen, den Filmnachwuchs - insbesondere die Frauen - auch über den ersten Film hinaus zu fördern. Einen entscheidenden Anteil daran tragen sicherlich die Streaming-Dienste, die "auf den Nachwuchs schauen und auch sehr schnell mal Angebote machen", so die Redaktionsleiterin. "Dadurch müssen wir uns als Sender auch schneller bewegen." Hier gibt es durchaus verheißungsvolle, zukunftsweisende Projekte: In Koproduktion mit Netflix entsteht im Kleinen Fernsehspiel gerade eine deutsche Superheldinnengeschichte.