ZDF-Film Harter Stoff aus der Mitte des Lebens

In "Ich habe es Dir nie erzählt" mimt Barbara Auer mit gekonnter Unsicherheit eine Gerichtsvollzieherin, die langsam ihre empfindsame Seiten preisgibt - und sich schließlich in einen Anti-Mann verliebt. Ganz ohne Kitsch.

Von Renate Meinhof

Carla Schön ist berufstätig. Sie lebt mit ihrer pubertierenden Tochter allein, und schon deshalb ist ihr Alltag gewissen Zwängen unterworfen. Aber sie führt ein Leben, das den Urgründen ihres Charakters vollkommen zu entsprechen scheint. Denn das kann sie: organisieren und funktionieren, und vor allem hat sie gelernt, die eigenen Bedürfnisse zu ignorieren.

Was ist, wenn das Leben Brüche hat, wenn die ersten Ehen zerbrochen sind, und plötzlich eine neue Beziehung die alten Muster bedient? Gerichtsvollzieherin Carla Schön (Barbara Auer) hat gelernt, hart gegen sich selbst zu sein, aber das hilft nicht immer weiter.

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Carla Schön, gespielt von Barbara Auer, ist Gerichtsvollzieherin, und auch der Beruf scheint der psychischen Disposition dieser Frau entgegenzukommen, denn ohne Härte geht es nun mal nicht, wenn man im Morgengrauen an Türen klopft, um Geld einzutreiben und einem elenden Trinker den Fernseher aus der Wohnung wuchten zu lassen. Der Gerichtsvollzieherin Carla Schön gehen harte Worte recht geölt über die Lippen, denn auch zu sich selbst ist sie hart.

Wenn so jemand wie Frau Schön auftaucht, fragt man natürlich sofort: Wer ist diese Frau denn außerhalb ihres sichtbaren Tuns? Und wann endlich tritt der Mensch in Erscheinung, der ihre andere Seite freilegen kann und sie zum Klingen bringt?

Im Falle von Carla Schön ist es der Hausmeister aus der Schule ihrer Tochter Eva (Irina Kurbanova). Andi heißt er, ein Mann mit finanziellen und noch weit größeren Sorgen. Er hat seine Arbeit in der EDV-Branche verloren, hat zu trinken begonnen. Seit Jahren ist er zwar trocken, doch nun will seine Frau ihm das Sorgerecht für die Tochter entziehen.

Schön verliebt sich in einen Menschen, wie sie ihm sonst nur von Berufs wegen begegnet. Beide aber kommen mit ihren Brüchen, ihrem Scheitern in ersten und längst geschiedenen Ehen zusammen.

Was für ein Paar, das Barbara Auer und Roeland Wiesnekker da in Ich habe es Dir nie erzählt spielen. Sie, die Schöne, Ernste, Strebsame. Er, der aussieht wie ein Arbeiter, der gerade von der Schicht kommt, der kaum Bücher im Regal - aber viel Bier im Kühlschrank hat. Zwischen diesen beiden Menschen und ihren Welten liegt eine kribbelnde Spannung, die sich immer nur kurz löst, in der Berührung, in der körperlichen Liebe.

Mit großem Mut stürzen sich Barbara Auer und Roeland Wiesnekker in ihre Rollen. Er, der Vater, dem die fünfjährige Tochter genommen wird. Es ist das Kind, das ihm Lebenshalt gibt. Er schreit und weint, wird selbst zum Kind, und greift nach diesem gewaltsamen Eingriff wieder zur Flasche.

Auer zeigt oft ein tastendes, fast schüchternes Spiel. Vor Jahren hat sie in einem Interview gesagt, dass sie sich manchmal wundere, "was für eine unglaubliche Sicherheit manche jungen Menschen heute haben".

Barbara Auer hat sie mit 52 Jahren immer noch nicht. Wie gut, denn wenn man sie spielend erlebt, weiß man, dass diese Unsicherheit der Schlüssel für ihre Überzeugungskraft als Schauspielerin ist.

Man nimmt der Gerichtsvollzieherin Schön ab, dass sie aus Angst über Jahre ein großes Geheimnis mit sich herumschleppen musste. Und dass es sie zerfressen hat, auch das nimmt man ihr ab.

Entstanden ist ein Film, der von der Liebe zweier Menschen erzählt, ohne auch nur ein einziges Mal in Kitsch abzurutschen. Ein harter Stoff, von dem man sagen kann, dass er - im besten Sinne - aus dem Leben gegriffen ist.

Ich habe es Dir nie erzählt, ZDF, 20.15 Uhr.

"Gudn' Aamb!"

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