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Verlage:Wird schon schiefgehen

„Ich würde mir für Deutschland eine andere Kultur des Scheiterns wünschen“: Kasia Mol-Wolf.

(Foto: Christian Kerber)

Vor zehn Jahren kaufte Kasia Mol-Wolf das Frauenmagazin "Emotion", bevor Gruner + Jahr es einstellen konnte. Heute gehört zu ihrem Verlag viel mehr als nur ein gedrucktes Heft.

Ein todschickes Loft in Hamburg-Eimsbüttel, Kasia Mol-Wolf passt ganz hervorragend hierher. Sie ist auch todschick, so groß und demonstrativ gelassen, obwohl ihr Handy dauernd fiept und seltsame Signale an ihren Computer schickt. Man kann sagen, dass Kasia Mol-Wolf gerade an einem Punkt ist, an dem ihre Welt glänzend aussieht.

Kasia Mol-Wolf, 45, ist Verlegerin der Frauenzeitschrift Emotion. Es ist nicht so, dass alles immer hervorragend gelaufen wäre in diesem Leben, nicht mal in dieser Karriere. Aber man kann schon behaupten, dass sie mutig war. Und dass sie findet, dass andere deshalb auch mutig sein sollten, vor allem andere Frauen: Weil es eben immer auch sein kann, dass man am Ende wirklich diesen Punkt erreicht, an dem die Welt so glänzend aussieht wie ihre in diesem Moment. Sie sagt: "Größer zu denken und keine Angst zu haben. Darum geht es."

Mol-Wolf, geboren 1974 in Polen, flüchtet als Siebenjährige mit ihrer Mutter nach Deutschland. Beide sprechen kein Wort Deutsch. Die Mutter, eigentlich Ingenieurin, bringt sie zunächst als Geschirrspülerin und Putzfrau durch - und die Tochter lernt, dass man zum Glücklichsein nicht viel braucht. "Es ist ein Riesenvorteil, wenn man als Flüchtlingskind hier ankommt, nichts hat und trotzdem viele schöne Momente erlebt", sagt Mol-Wolf heute. "Das stärkt einen. Was soll passieren? Im schlimmsten Fall hat man keine große Wohnung und muss wieder von vorne anfangen. Dann überlegt man eben wieder: was kann ich machen, womit kann ich Geld verdienen? Und legt dann wieder los."

Sie selbst studiert Jura in München, promoviert, heuert schließlich bei Gruner + Jahr an. Als Verlagsleiterin ist sie dort 2005 an der Entwicklung von Emotion beteiligt, einer Frauenzeitschrift mit dem Schwerpunkt auf Psychologie: "Was will ich wirklich?" statt "Wie kann ich abnehmen?". Das Heft erfüllt die Erwartungen des Verlags nicht. Bald wird über seine Zukunft diskutiert. Mol-Wolf sagt, damals "sind wir bei Emotion dauernd hinterfragt worden. Es war ein ständiges Thema: ob wir verkauft werden, ob wir eingestellt werden, ob wir grundlegend anders arbeiten müssen, um profitabel zu werden. Das hat mich wahnsinnig unzufrieden gemacht."

Ende 2008 wird klar, dass es eng wird, Gruner + Jahr will das Portfolio reduzieren. Mol-Wolf sitzt bei ihrer Mutter in der Küche, sie hat gerade eine Vorstandsvorlage geschrieben, als ihr klar wird: Sie will es selbst probieren. Den Titel kaufen, Unternehmerin werden, sich nicht mehr reinreden lassen. "Da war die Idee im Kopf, und die ging auch nicht mehr weg." Sie bastelt ein Konzept, heimlich. Im Frühjahr 2009 steht sie im Büro des damaligen G+J-Chefs Bernd Buchholz und sagt, sie wolle Emotion kaufen. Der nennt den Plan "sportlich". Buchholz gibt ihr acht Wochen Zeit, den Kaufpreis aufzutreiben: eine Million Euro.

Mol-Wolf holt sich eine Menge Absagen, mitten in der Printkrise ist eine 35-Jährige, die in schwächelndes Magazin kaufen will, für Investoren nicht besonders vielversprechend. Am Ende treibt sie das Geld trotzdem auf - und kriegt den Zuschlag. So knapp, dass bei Gruner + Jahr schon eine Pressemitteilung vorbereitet war, um über die Einstellung des Hefts zu informieren. Keine Zweifel? "Wenn man Zweifel hat, schafft man es auch nicht. Bevor ich lange überlege, ist das realistisch oder nicht, versuche ich es doch einfach und schaue, ob es funktioniert." Am Ende funktioniert es, Emotion überlebt.

Selbstvermarktung liegt ihr. Gerade war sie selbst auf dem Cover ihres eigenen Magazins

In den vergangenen zehn Jahren kamen neue Titel dazu, Emotion Slow, Emotion Working Women, das Philosophiemagazin Hohe Luft. Dazu Veranstaltungsreihen, eine App, neuerdings ein Podcast. Für ein paar Jahre war sie nicht nur die Verlegerin, sondern auch selbst Chefredakteurin. Emotion, das ist ganz und gar ihre Vorstellung. Keine Kompromisse. Trotzdem ist nicht alles rosig: Die Printausgaben bringen immer noch etwa 70 Prozent der angeblich bald zehn Millionen Euro Jahresumsatz. Aber die verkaufte Auflage des Kerntitels lag zuletzt bei knapp 55 000 Exemplaren, vor zehn Jahren waren es noch mehr als 100 000 Stück. Mol-Wolf sagt, sie sehe Emotion nicht als Printmarke, sondern als Netzwerk. "Eine Plattform, die Frauen verbindet, sichtbar macht, promotet. Die sie darin stärkt, ihren Weg zu gehen."

Mol-Wolf sitzt auch im Aufsichtsrat der FAZ und hat gerade ein Buch geschrieben. Es heißt "Du hast die Power!" und erzählt ihre eigene unternehmerische Geschichte, aber auch die von anderen Frauen, die Erfahrungen gemacht haben mit Wagnis und Erfolg und Niederlage. Selbstvermarktung liegt ihr: Auf der Dezemberausgabe von Emotion war sie selbst auf dem Cover.

Damit mehr Menschen bereit wären, unternehmerische Risiken einzugehen, brauche man hierzulande einen neuen Umgang mit Niederlagen, findet Mol-Wolf. "Man hat ja Ideen. Ich würde mir für Deutschland eine andere Kultur des Scheiterns wünschen. Dass man darüber spricht, dass Scheitern dazu gehört, aber auch deutlich macht: Es ist nicht so schlimm, wenn es schiefgeht. Das ist das Leben." In Amerika feiere man Siege mehr und stehe Niederlagen entspannter gegenüber. Vor allem bei Frauen sei die Angst vor dem Scheitern oft besonders ausgeprägt, sagt sie und erklärt das, natürlich, psychologisch: Frauen würden oft "stark im Außen leben". Es gehe "zu oft darum, was die anderen denken." Trotzdem dürfe man sich nicht von seinem Weg abbringen lassen, nur weil andere den nicht gut finden. "Wir müssen begreifen, dass wir Leben für uns selbst leben."

Gerade als Unternehmerin stehe man auch in der Verantwortung, sich nicht in halbherzige Kompromisse treiben zu lassen. Das falle auch ihr nicht immer leicht, bekennt Mol-Wolf - obwohl doch Selbstzweifelbeseitigung eigentlich ihr Spezialgebiet ist. Als sie mit ihrer Mutter nach Deutschland gekommen sei, wollte die, "dass wir dankbar sind, dass Deutschland uns aufgenommen hat. Dass wir uns schnell integrieren." Deshalb sei es ihr schwergefallen den Wunsch abzustreifen, es immer allen recht machen zu wollen.

Auch abschalten ist nicht unbedingt ihre größte Stärke. Sie sei sieben Tage in der Woche Unternehmerin, das könne man nicht einfach ausschalten, findet sie. Gerade ist sie schwanger mit ihrem zweiten Kind und sagt: "Ich habe mir vorgenommen, vier Wochen lang wirklich raus zu sein." Das klingt nicht, als fiele es ihr leicht, mal nicht an diesen Verlag zu denken. "Ein Unternehmen ist ja auch ein Baby. Es wäre unnatürlich, würde ich mich gar nicht mehr darum kümmern."

Sie sei eben stolz auf den Weg, den das Magazin genommen habe. "Dass es uns überhaupt gibt, ist ein großer Erfolg."