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US-Serie: "Boardwalk Empire":Schiffsladungen von kanadischem Whiskey

Nucky ist nicht der Einzige in Atlantic City, der die neue Epoche mit einem breiten Grinsen im Gesicht erwartet: "4, 3, 2, 1 ..." zählen Hunderte Partygäste in "Babette's Supper Club" die Sekunden vor Mitternacht, als das Alkoholverbot in Kraft tritt. Ein paar Momente lang liegen sich die tanzenden Paare in gespielter Trauer in den Armen, während die Band Molltöne anstimmt, dann explodiert der Jubel: "Prohibition!" Und bevor man sich zuprostet, werden die Gläser noch einmal aufgefüllt. Nun, da sind sich alle einig, geht der Spaß erst richtig los.

Vor allem für Nucky, der nachts Schiffsladungen von kanadischem Whiskey anlanden lässt, den er dank seiner Beziehungen zu irischen, italienischen und jüdischen Gangstern wie Lucky Luciano, die hier am Beginn ihrer Karrieren stehen, mit phantastischem Profit weiterverkauft. Darunter ist auch ein besonders dreckig lachendes Bürschchen, dessen Name 1920 nicht mehr als ein Achselzucken hervorruft: Al Capone.

Der historische Nucky Johnson ähnelte den bulligen, aggressiven Typen, von denen es in HBOs Atlantic City nur so wimmelt. Dass es der grandiose Steve Buscemi ist, der den Nucky Thompson in der Serie spielt, gibt "Boardwalk Empire" einen faszinierenden Twist: Buscemis Nucky scheint vor lauter Verkommenheit von innen zu verfaulen, doch niemanden scheint das mehr zu quälen als ihn selbst. Es ist, als trüge er sein Magengeschwür im Gesicht. Wie diese von inneren, wenn auch nicht moralischen Konflikten zerrissene Figur sich durchsetzt gegen seine vor Gesundheit strotzenden Gangsterfreunde und gegen Rivalen wie seinen Adlatus, den Kriegsheimkehrer Jimmy Darmody (Michael Pitt), das dürfte eine der Fragen werden, die den Zuschauer durch die Folgen zieht.

Bei der Vorstellung der ersten Episode in New York machte Terry Winter noch einmal klar, was die Serien der Bezahlsender denen der werbefinanzierten Kanäle voraushaben: "Konventionelle Serien sind dazu da, dem Publikum zu versichern: Alles ist okay, wir fangen den Mörder, bevor die Stunde rum ist, und jetzt geht raus und kauft etwas! Der kreative Prozess wird beherrscht von der Angst vor den Werbekunden. Beim Drehbuchschreiben fühlt man sich, als trüge man Handschellen. Die ,Sopranos' waren anders: Die Welt war nicht in Ordnung, die Mörder wurden nicht gefangen. Sie waren unsere Protagonisten!"

Mittlerweile jedoch konkurrieren Sender wie HBO nicht mehr mit dem konventionellen Fernsehen, sondern mit Hollywood, das in einer der größten Krisen seiner Geschichte steckt. Die DVD-Verkäufe sinken, neue Online-Vertriebssysteme sind noch nicht durchgesetzt, die Kreditmärkte sind leergefegt, und die Kosten, die in den guten Jahren exorbitante Höhen erreicht haben, lassen sich nur mühsam an die neuen Verhältnisse anpassen. Auf Independent- und Arthouse-Filme, die im Kino vor wenigen Jahren eine goldene Zukunft zu haben schienen, lassen sich die Studios immer seltener ein. Die Zeit der Experimente scheint im amerikanischen Kino fürs Erste vorbei zu sein, die schwierigen Produktionsbedingungen schlagen durch auf die kreative Arbeit der Autoren und Regisseure. Und weil Experimentieren immer dann besonders effektiv ist, wenn man es in Langzeit betreibt, bietet das Fernsehen sich als Ausweichlabor fast natürlich an. "Die kreative Energie, die das neue Erzählen im Fernsehen entfaltet", sagt Scorsese, "ich hoffe, sie spiegelt sich im Plot."

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