TV-Kritik:Er, Sie, Es

Der Filmemacher Stephan Lamby hat mit enormem Aufwand Angela Merkel und Martin Schulz über Monate beobachtet. Entstanden ist ein Film darüber, was der Wahlkampf mit den beiden macht.

Von Nico Fried

Die ersten Bilder gehen nah dran an die Gesichter von Angela Merkel und Martin Schulz. Sehr nah, hautporennah sozusagen. Das ist ein durchaus programmatischer Auftakt für diesen Film. Denn der Autor Stephan Lamby hing über Monate tatsächlich eng am Mann. Und an der Frau. Wo immer man als Berichterstatter hinkam, Lamby und sein Team waren schon da. SPD-Parteitage mit Schulz, der Antrittsbesuch Merkels bei Donald Trump in Washington, Wahlkampfauftritte von Kanzlerin und Kandidat auf den Marktplätzen der Republik, schließlich das TV-Duell. Dazu hat der Autor Interviews geführt, mit Merkel, mit Schulz, mit anderen Politikern und mehreren Journalisten. Der Aufwand war enorm, die Menge an Bildern muss gewaltig gewesen sein.

Es macht die Qualität des einstündigen Filmes aus, dass Lamby aus dieser Masse an Material einige wenige, aber wichtige Stränge herausgefingert hat, die er konsequent durcherzählt und oft ausdrucksstark bebildert. Er erklärt die beiden Hauptpersonen prägnant aus ihrer persönlichen (vor allem bei Schulz) und politischen (vor allem bei Merkel) Geschichte. Auch beschreibt der Film zutreffend die Ambivalenz der bisherigen Beziehung Merkels zu Schulz, die als Kanzlerin und Europäischer Parlamentspräsident gut zusammengearbeitet haben und nun begleitet von wachsender Entfremdung miteinander konkurrieren. Zugleich bleibt Lamby auf der Höhe des Wahlkampfs, der sich so anders entwickelt hat, als noch vor wenigen Monaten zu erwarten war, als es kurze Zeit nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aussah. So ist ein durchaus sehenswerter Film entstanden - für politische Anfänger, Gelegenheitsinteressierte und Profis.

Kein entscheidender politischer Moment ist dem Autor entgangen

Das Duell zwischen Merkel und Schulz ist im Laufe der vergangenen Monate immer weniger Duell geworden. Der Kampf ums Kanzleramt scheint vorzeitig entschieden zu sein, aber genau darauf hat der Autor auch reagiert. Er zeigt, was das mit Schulz und Merkel gemacht hat. Die immer verzweifelteren Angriffe des Herausforderers und seine wachsende Gekränktheit ob der bisweilen fast arrogant wirkenden Selbstbeherrschung der Amtsinhaberin sind ein tragendes Motiv in diesem Film. Momentaufnahmen und kurze Statements von Schulz zur jeweils aktuellen Situation machen den allmählichen Verlust der Zuversicht des so optimistisch gestarteten Kandidaten erlebbar.

Wahl 2017

Vom allmählichen Verlust der Zuversicht: Martin Schulz in Das Duell.

(Foto: SWR/ECO Media)

Es gibt drei Sequenzen in diesem Film, an denen sich besonders deutlich Lambys Fähigkeit zeigt, selbst in einem so durchinszenierten Genre wie der Politik die Stärke des Mediums Fernsehen einzusetzen. Es sind kurze Szenen, die zu beschreiben man viele, viele Zeilen bräuchte. Die ersten beiden Szenen zeigen die Sozialdemokratinnen Manuela Schwesig und Katarina Barley, jeweils hinter Martin Schulz stehend - das erste Mal beglückt jubelnd nach seiner Nominierung Anfang des Jahres, das zweite Mal mit vor Entsetzen und Schock maskenhaft erstarrten Gesichtern am Abend der schweren SPD-Niederlage bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Ein paar Sekunden nur dauert das, und doch dokumentieren diese wenigen Bilder die ganze Dramatik des Absturzes.

Die dritte Szene stammt aus dem Interview mit Horst Seehofer. Der CSU-Chef, der Merkel eineinhalb Jahre lang massiv wegen ihrer Flüchtlingspolitik bekämpft hat, redet über die Kanzlerin und ihren Verhandlungsstil. Erbittert, konsequent, hart, solche Worte fallen da. Dann sagt Seehofer, es komme aber nicht zu Handgreiflichkeiten, und lacht sein hechelndes Lachen dazu. Ironie ist ganz wichtig für Horst Seehofer, gerade wenn es um Angela Merkel geht. Er wahrt damit den Schein, dass alles halb so wild sei zwischen den beiden, obwohl das Gegenteil stimmt.

Video

Das Duell ist ein Film über die Personen. Selbst wenn es um konkrete Politik geht, beschäftigen sich die Bilder und Worte mehr mit dem Stil der beiden, mit politischen Problemen umzugehen. Das ist kein Manko, zumal Lamby sehr geschickt bis an den Grenzbereich des Privaten herangeht, um Unterschiede zwischen den Charakteren Merkels und Schulz' herauszuarbeiten. In zwei kurzen Szenen reden Kanzlerin und Kandidat jeweils über ihre Ehepartner: Schulz bereitwillig emotional, Merkel professionell oberflächlich. Beide Szenen stammen von Veranstaltungen der Frauenzeitschrift Brigitte. Auch da war Lamby mit seinem Team immer dabei. Nichts von den entscheidenden politischen Momenten und Wendungen der vergangenen Monate ist dem Autor entgangen. Der Aufwand hat sich gelohnt.

Das Duell, Das Erste, 22.45 Uhr.

© SZ vom 12.09.2017
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