Telenovelas Schnell, leicht, gut verdaulich

Rote Rosen-Tag in Lüneburg: Schauspielerin Jenny Jürgens (Mitte) beim Selfie mit Fans.

(Foto: Philipp Schulze/dpa)

Über Seifenopern wie "Rote Rosen" rümpfen Vertreter der höheren Fernsehkunst die Nase. Beim Fantreffen in Lüneburg wird aber klar: Leichte Unterhaltung hat auch ihren Wert.

Von Thomas Hahn, Lüneburg

Die Rentnerin Karin Reischauer aus Hannover schaut Rote Rosen neuerdings etwas seltener. Die Wiederholung der neuesten Folge kommt seit Mitte Mai nicht mehr morgens um 9.10 Uhr. Das findet sie schade, denn nachmittags, um zehn nach zwei, wenn die Telenovela an Werktagen weitergeht, ist sie oft schon müde. Trotzdem ist sie treu, und dieser Sonntag für Fans in den Studios der Produktionsfirma "Hamburg Serienwerft" ist eine Freude für sie. Zu ihrem Geburtstag hat die Tochter gesagt: Komm doch nach Lüneburg.

Jetzt steht Karin Reischauer in der langen Schlange, die sich vor dem Studio-gelände gebildet hat. Ein Regenschirm steckt in ihrem Rollator, falls das Wetter nicht hält. Was sie an den Roten Rosen so mag? Sie überlegt. "Die Schauspieler. Dass was vom schönen Lüneburg gezeigt wird." Und sie mag dieses bewegte Leben, das neben dem ihren ohne zu große Dramen herläuft. "Es ist ganz interessant, was sich da so abspielt", sagt sie.

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Über das Genre der Telenovela lässt sich leicht lästern. Gerade die Telenovela Rote Rosen, die 2006 in der ARD begann und seit 15 Staffeln verschiedene abgeschlossene Geschichten aus der Lüneburger Stadtgesellschaft erzählt, hat wenig Aussicht darauf, Freunde der höheren Filmkunst zu beeindrucken. Sie steht für die schnelle, leicht verdauliche Kultur, die täglich den Massengeschmack treffen soll. Das klingt nach mutloser Klischee-Produktion.

Sehnsucht nach harmonischen Geschichten

Aber an einem Fantag wie diesem mit Fragerunde, Requisitenversteigerung und Autogrammstunde wird eine solche Kritik klein, im Grunde löst sie sich sogar auf. Denn an einem solchen Tag sieht man die Gesichter der Menschen, die Rote Rosen zu einem Teil ihres Alltags gemacht haben. Es sind glückliche Gesichter in einer dankbaren Menge mit Frauenüberschuss. 3000 Karten gingen im Vorverkauf weg, für 3400 Leute war Platz auf dem Gelände.

Aus dem ganzen Land sind die Fans angereist. Zufrieden spazieren sie durch die Studiokulissen, erzählen sich Serien-Anekdoten, genießen die Nähe zu den Schauspielern. Und sie nehmen neben Erinnerungsfotos und Autogrammen das gute Gefühl mit, ernst genommen zu werden mit ihrer Sehnsucht nach Geschichten, die ein harmonisches Gegengewicht zu ihrer Lebenswirklichkeit bieten. "Das scheint ja für viele tröstlich zu sein", sagt Madeleine Niesche, als Keramikmeisterin Sonja Pasch die Hauptdarstellerin der aktuellen Staffel. "Das Feedback zeigt, Bedarf ist da."

Leichte Unterhaltung ist auch was wert, das kann man aus der Geschichte der Telenovela lernen. Diese soll Anfang des 20. Jahrhunderts in Kuba damit begonnen haben, dass man den Arbeiterinnen in den Zigarrenfabriken aus Groschenromanen vorlas. In Südamerika, dem Herkunftskontinent der Telenovela, führten die eingängigen Serien dazu, dass Themen wie Organspende tiefer ins Bewusstsein der Gesellschaft vordrangen. Weil traditionell Frauen im Mittelpunkt stehen, trugen manche Telenovelas dazu bei, die Stellung der Frau zu stärken.

Stets ein Happy End

Und jetzt? Die Welt ist schrecklich kompliziert geworden, Staatsleute streiten, Kriegsopfer flüchten, ständig gibt es schlechte Nachrichten. Da finden es viele Menschen hilfreich, wenn es im Fernsehen zwischendurch mal nicht so drunter und drüber geht. "Rote Rosen ist alltagsnah", sagt Jana Poth, die mit ihrer Mutter aus Nordrhein-Westfalen gekommen ist. Im Mittelpunkt steht immer eine Frau über 40 mit privaten und beruflichen Problemen, die jeder kennt. Immer ist ein Happy End zu erwarten. Das gefällt. Gerade weil es nicht zu aufregend ist.

Karin Reischauer lächelt, als sie sich mit ihrem Rollator durch die Menge bewegt. Sie mag den Trubel rund um die Bühne. Sie mag auch die aufgeräumte Laune der Schauspieler. Reischauers Leben ist kein ständiges Vergnügen gewesen, sie hatte viele verschiedene Jobs, die Kinder, später waren die Eltern krank. Da tut es gut, im Fernsehen regelmäßig ein paar gute Bekannte zu sehen, bei denen im Großen und Ganzen alles in Ordnung ist.