Syrien Unsere Revolution

Gedruckte Meinungen nach fünf Jahrzehnten Diktatur: Karikatur aus der Zeitung Souriatna.

(Foto: Juan Zero/Souriatna)

Wie macht man eine Zeitung, wenn draußen Krieg ist? In Syrien riskieren die Journalisten von "Souriatna" täglich ihr Leben.

Von Lea Frehse

Sein Traum von einem freien Syrien passiert jeden Montag ordentlich gefaltet und zu Bündeln verschnürt in einem Lieferwagen die türkisch-syrische Grenze. 6000 druckfrische Exemplare der Zeitung Souriatna hat der Wagen dann an Bord. Für sie riskiert Jawad Muna täglich sein Leben.

Muna - sein richtiger Name darf nicht an die Öffentlichkeit - ist Publizist und Herausgeber von Souriatna, einer der ersten unabhängigen Zeitungen in Syrien nach einem halben Jahrhundert Diktatur. Als 2011 die ersten Demonstranten gegen Bashar al-Assad auf die Straßen zogen, ging Muna mit. Am 26. September 2011 druckte der damals 36-Jährige mit befreundeten Journalisten eine der ersten Zeitungen, die ihren Rufen nach Pressefreiheit entsprach. Souriatna, heißt übersetzt "Unser Syrien".

Vier Jahre später spricht Muna, der inzwischen fliehen musste, am Telefon aus Redaktionsräumen im türkischen Gaziantep. Von dort aus stellt er sicher, dass wöchentlich eine neue Ausgabe von Souriatna online geht und der Lieferwagen jeden Montag Zeitungen in ganz Syrien verteilt.

Im Ausland kaum beachtet, sind seit 2011 Hunderte neue Zeitungen, Radio- und Fernsehsender im Land entstanden. Mehrere Dutzend oppositionelle Zeitungen erscheinen in Syrien auch nach vier Jahren Krieg, schätzt Alan Hessaf, ein syrischer Medienaktivist, der heute in Deutschland lebt. Viele Medien, so Hessaf, berichteten nur lokal oder ausschließlich im Netz. Souriatna aber soll Syrer überall erreichen - und setzt deshalb auch auf Print. "In Städten wie Aleppo haben die Leute nur zwei, drei Stunden Strom am Tag. Da haben Zeitungen auf Papier neuen Wert", erklärt er.

Souriatna gibt es kostenlos inzwischen auch in Flüchtlingslagern im Libanon und in der Türkei. Auf Facebook hat die Zeitung 50 000 Likes. Das Geld kommt seit März dieses Jahres auch von ausländischen Organisationen, darunter der Initiative "International Media Support" mit Sitz in Dänemark. Auch der deutsche Verein "Adopt a Revolution", der seit 2011 Projekte der gewaltfreien Opposition in Syrien unterstützt, arbeitet mit Souriatna zusammen, übersetzt zum Beispiel Artikel der syrischen Korrespondenten ins Deutsche. Gleichwohl steht die Finanzierung auf brüchigem Fundament: Nach vier Jahren Bürgerkrieg können innerhalb Syriens kaum noch Gelder akquiriert werden. Im Ausland stehen derweil kaum noch Gelder für Demokratieförderung bereit, denn gerade staatliche Geber beschränken sich zumeist auf humanitäre Hilfe.

Souriatna hält fest am Gedanken von einer Revolution. "Wir wollen Syrien demokratisch machen", sagt Muna. "Dafür brauchen wir unabhängige Medien, die nah an den Menschen sind." Deshalb druckt die Zeitung auch Themen auf den Titel, die nicht von der Front kommen: dem Zustand der Schulen, der Wasserversorgung.

Etwa 16 Korrespondenten füllen das Blatt mit Berichten aus allen Teilen Syriens. In Orten wie Raqqa, dem Hauptquartier der Terrormiliz Islamischer Staat, oder der Assad-Hochburg Latakia schreiben sie unter Pseudonym. Auch in den Gebieten der sogenannten moderaten Milizen wie der Nusra-Front ist allzu kritische Berichterstattung nicht möglich. "Wir arbeiten mit Bedacht", sagt Almuna, "um die Milizen nicht gegen uns aufzubringen. Sie würden die Zeitung verbieten." Als Souriatna nach dem Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo "Je suis Charlie" auf ihren Titel druckte, zerstörten vermutlich Nusra-nahe Kämpfer Redaktionsräume und verbrannten öffentlich Zeitungen.

Muna selbst musste Syrien 2014 verlassen, nachdem Dschihadisten wie Assad-Treue ihn bedroht hatten. Assads Geheimdienste, erzählt Muna, rächten sich nach seiner Flucht an seinem Bruder: Der sitze seither in einem ihrer Foltergefängnisse.

Trotz des Drucks: Für Syrien seien die unabhängigen Medien ein Geschenk, sagt Unterstützer Hessaf. In fast fünf Jahrzehnten Diktatur waren an den Kiosken lediglich drei große überregionale Zeitungen und Partei-Gazetten zu bekommen, alle fest in staatlicher Hand. Als die ersten Bürger 2011 gegen das Regime auf die Straßen gegangen waren, berichtete das Staatsfernsehen, die Mengen hätten Allah für den ersten Regen gedankt. Eine Ironie der Geschichte, dass eines der Assad-Blätter Al-Thaura, die Revolution, heißt.

Für ihn, sagt Muna, ist Souriatna im Gegensatz dazu das Lebenszeichen einer echten Revolution: die Idee einer Gesellschaft, die das freie Wort schätzt, schwarz auf weiß. Am kommenden Montag erscheint die 206. Ausgabe.