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Superstar-Suche in Afghanistan:Kritische Distanz zur Regierung

Wie groß die Gefahr solcher Freizügigkeit sein kann, zeigt der Fall der jungen Tolo-TV-Moderatorin Shaima Rezayee. Islamistische Kleriker hatten ihre Show HOB mehrfach kritisiert, da sie dabei Jeans trug und westlichen Hip-Hop spielte. 2005 wurde sie in ihrer Kabuler Wohnung umgebracht. Da die Moderatorin die Show vor ihrem Tod verlassen hatte, und ihre Mörder nie gefasst wurden, zweifelt Mohseni, ob sie wegen ihrer Auftritte umgebracht wurde.

Doch auch die Regierung Hamid Karsais behinderte die Arbeit von Tolo TV mehrfach. So drangen vor drei Jahren 50 bewaffnete Polizisten in die Redaktion des Privatsenders ein und verhafteten Mitarbeiter, nachdem Tolo TV einen Bericht über Probleme in afghanischen Gefängnissen ausgestrahlt hatte. Erst eine Intervention der Vereinten Nationen löste den Streit, und so warnt Mohseni: "Für einige Menschen in der Regierung sind wir eine massive Bedrohung, deswegen bleiben wir ohne internationale Unterstützung gefährdet."

Ein Kritiker des Präsidenten

Doch die kritische Distanz zur Regierung zahlte sich im vergangenen Jahr besonders aus. Mohseni, der wegen Karsais Vetternwirtschaft zu einem der Kritiker des Präsidenten geworden ist, drängte auf so ausführliche Berichterstattung über Manipulationen bei der Präsidentschaftswahl, dass sogar BBC-Generaldirektor Mark Thomson dem New Yorker gestand: "Unsere Leute erzählen mir, dass Tolo News sie weggeblasen hat. In der gesamten Region macht niemand so eine Arbeit."

Nun weitet Mohseni diese Arbeit mit zwei Projekten aus. Rechtzeitig für die Kabuler Konferenz startete er Anfang des Monats Tolo News, den ersten 24-Stunden-Nachrichtenkanal des Landes. Für sein größeres Vorhaben verbündete er sich mit seinem eigenen Vorbild: Rupert Murdoch, dem Chef des Medienkonzerns News Corp, der aus Melbourne stammt, wo Mohseni aufwuchs. Als gleichberechtigte Partner gründeten sie 2009 den Satelliten-Sender Farsi1.

Dieser übersetzt in Dubai amerikanische Fernsehserien oder türkische Soap-Operas und strahlt sie dann von Großbritannien nach Iran aus. Dabei kommt Saad Mohseni zugute, dass eine der zwei afghanischen Landessprachen, Dari, ein Dialekt des persischen Farsi ist. So heuerte Mohseni Afghanen an, die nun ausländische TV-Shows für Iraner synchronisieren.

Mit etwa 70 Millionen Einwohnern ist Iran ein Zukunftsmarkt - und für den Medienunternehmer Mohseni ist er eine Garantie, dass die amerikanische Regierung auch nach einem Abzug aus Afghanistan ihr Interesse an ihm nicht verlieren wird.