Süddeutsche Zeitung

Superstar-Suche in Afghanistan:Medienchef im Krisengebiet

M wie Murdoch: Afghanistans erster großer Medienunternehmer Saad Mohseni bringt Unterhaltung ins Land.

Die Anspannung ist ihm anzumerken. "Heute ist ein extrem hektischer Tag", sagt Saad Mohseni, "die meisten Straßen in Kabul sind aus Sicherheitsgründen gesperrt." Dennoch versuchen mehrere seiner Reporter, sich einen Weg zu bahnen, denn wenn an diesem Dienstag die bislang größte internationale Konferenz in Kabul beginnt, wird niemand so ausführlich von dem Treffen berichten wie Saad Mohseni, der Chef des Medienunternehmens Moby Group - und Afghanistans erster mächtiger Medienunternehmer.

Mohsenis Weg an die Spitze der Kabuler Medienwelt führte über verschlungene Pfade, und er begann in einer Wüste. Als die Taliban 2001 vor amerikanischen Kampffliegern und Bodentruppen der Nordallianz flohen, hinterließen sie eine hoffnungslos verdorrte Medienlandschaft. Fernsehen stand unter Strafe, zur Abschreckung hingen Videokassetten von nachgebauten Galgen. Zeitungen druckten aus religiösen Gründen keine Fotos und erreichten nach Schätzungen nur ein Prozent der Bevölkerung. Im Rundfunk existierte ein einziger Sender: Radio Scharia, der vor allem Taliban-Dekrete und Koranverse verbreitete.

Diese Einöde betrachtete Mohseni aus der Ferne. Er war 1966 in London zur Welt gekommen, wo sein Vater in der afghanischen Botschaft arbeitete. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1979 in Afghanistan verließ der Vater den diplomatischen Dienst und wanderte mit seiner Familie nach Australien aus. Dort machte Mohseni eine Banklehre und arbeitete als Portfolio-Manager. "Als dann die Taliban gestürzt wurden, wollten wir unserem geschundenen Land helfen und sind in unsere Heimat zurückgekehrt", sagt er. "Und als Geschäftsleute suchten wir auch nach Chancen, ein Unternehmen aufzubauen."

Dafür gab es damals keinen besseren Ansprechpartner als den pakistanischen Autor Ahmed Rashid, der als unabhängiger Kenner der Kabuler Machtzirkel gilt. "Mohseni hat mich angerufen, und ich war beeindruckt von seiner Willenskraft", erinnert sich Rashid. Kurze Zeit später konnte er helfen. Er traf Andrew Natsios, den Chef der amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID zum Abendessen. "Ich habe Natsios gleich von diesem Australier erzählt, der eine unabhängige Presse aufbauen wollte." Der Entwicklungshelfer aus Washington war überzeugt und streckte Mohseni einen Kredit von 230000 Dollar vor. Mit diesem Geld und eigenem Kapital gründete Mohseni 2003 mit seinen zwei Brüdern Afghanistans ersten privaten Radiosender, Arman FM. Ein Jahr später folgte das Flaggschiff der Familie: Tolo TV, der Sender, der trotz inzwischen 25 Konkurrenzkanälen einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent erreicht und das Land nachhaltig verändert hat.

Das unverschleierte Gesicht

"Viele Afghanen kannten 2004 noch gar keine Fernsehunterhaltung, liberale Werte oder Frauenrechte", sagt Rashid. Doch dann traten plötzlich diese vier Komiker im Fernsehen auf, die jeden Mittwochabend in der Sendung Zang e Khatar ("Alarmglocke") Witze über Regierungsversagen beim Straßenbau oder nasenbohrende Abgeordnete im Parlament rissen und politische Satire salonfähig machten. Die erfolgreichste Show von Tolo TV ist jedoch die afghanische Version von Deutschland sucht den Superstar. Bis zu zwölf Millionen Zuschauer und damit mehr als ein Drittel der afghanischen Bevölkerung sitzen donnerstags und freitags oft zusammengedrängt vor kleinen Fernsehern in entlegenen Lehmhütten, um eine Sendung von Afghan Star anzuschauen.

Vor drei Jahren sahen sie dabei die Finalteilnehmerin Lima Sahar. Ausgerechnet aus der Taliban-Hochburg Kandahar war die Paschtunin in die Tolo-Studios gereist und machte dort, was Frauen wenige Jahre zuvor noch verboten war: Sie zeigte ihr unverschleiertes Gesicht, sang öffentlich in ein Mikrofon und deutete sogar leichte Tanzschritte an.

Kritische Distanz zur Regierung

Wie groß die Gefahr solcher Freizügigkeit sein kann, zeigt der Fall der jungen Tolo-TV-Moderatorin Shaima Rezayee. Islamistische Kleriker hatten ihre Show HOB mehrfach kritisiert, da sie dabei Jeans trug und westlichen Hip-Hop spielte. 2005 wurde sie in ihrer Kabuler Wohnung umgebracht. Da die Moderatorin die Show vor ihrem Tod verlassen hatte, und ihre Mörder nie gefasst wurden, zweifelt Mohseni, ob sie wegen ihrer Auftritte umgebracht wurde.

Doch auch die Regierung Hamid Karsais behinderte die Arbeit von Tolo TV mehrfach. So drangen vor drei Jahren 50 bewaffnete Polizisten in die Redaktion des Privatsenders ein und verhafteten Mitarbeiter, nachdem Tolo TV einen Bericht über Probleme in afghanischen Gefängnissen ausgestrahlt hatte. Erst eine Intervention der Vereinten Nationen löste den Streit, und so warnt Mohseni: "Für einige Menschen in der Regierung sind wir eine massive Bedrohung, deswegen bleiben wir ohne internationale Unterstützung gefährdet."

Ein Kritiker des Präsidenten

Doch die kritische Distanz zur Regierung zahlte sich im vergangenen Jahr besonders aus. Mohseni, der wegen Karsais Vetternwirtschaft zu einem der Kritiker des Präsidenten geworden ist, drängte auf so ausführliche Berichterstattung über Manipulationen bei der Präsidentschaftswahl, dass sogar BBC-Generaldirektor Mark Thomson dem New Yorker gestand: "Unsere Leute erzählen mir, dass Tolo News sie weggeblasen hat. In der gesamten Region macht niemand so eine Arbeit."

Nun weitet Mohseni diese Arbeit mit zwei Projekten aus. Rechtzeitig für die Kabuler Konferenz startete er Anfang des Monats Tolo News, den ersten 24-Stunden-Nachrichtenkanal des Landes. Für sein größeres Vorhaben verbündete er sich mit seinem eigenen Vorbild: Rupert Murdoch, dem Chef des Medienkonzerns News Corp, der aus Melbourne stammt, wo Mohseni aufwuchs. Als gleichberechtigte Partner gründeten sie 2009 den Satelliten-Sender Farsi1.

Dieser übersetzt in Dubai amerikanische Fernsehserien oder türkische Soap-Operas und strahlt sie dann von Großbritannien nach Iran aus. Dabei kommt Saad Mohseni zugute, dass eine der zwei afghanischen Landessprachen, Dari, ein Dialekt des persischen Farsi ist. So heuerte Mohseni Afghanen an, die nun ausländische TV-Shows für Iraner synchronisieren.

Mit etwa 70 Millionen Einwohnern ist Iran ein Zukunftsmarkt - und für den Medienunternehmer Mohseni ist er eine Garantie, dass die amerikanische Regierung auch nach einem Abzug aus Afghanistan ihr Interesse an ihm nicht verlieren wird.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.977282
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 20.07.2010/berr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.