Studie zur "Tagesschau":Neuigkeiten als Droge

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Er weiß, das bei audiovisuellen, journalistischen Inhalten 2,5 bis drei Sekunden zwischen den Schnitten liegen müssen. In dieser Zeit kann ein Mensch innerlich nachsprechen, was er sieht. Doch Bewegtbild, das diese Regel durchbricht, hat Erfolg. Etwa die Filme der Nutzer des Twitter-Ablegers "Vine", in denen blitzschneller Stopptrick zur Kunstform wird.

Diese Klick- oder Weg-Mechanik setzt sich offenbar auch mehr und mehr im älteren Medium Fernsehen durch. Thomas Rothneiger schneidet als Cutter beim BR Beiträge für die öffentlich-rechtlichen Nachrichten, auch für die Tagesschau. Am Schneidetisch sitzt er oft vor 40 Minuten Rohmaterial, das er auf einen 60-Sekunden-Beitrag reduziert. "Die restlichen 39 Minuten fallen in die Mülltonne". Früher waren es nur zehn Minuten Rohmaterial, heute hört er: "Wir haben mehr Bilder, also kannst du mehr reinpacken."

Der Umgang mit dem Material ist auch eine Folge der Digitalisierung. Bänder gibt es nicht mehr. Früher kopierte Rothneiger mit jedem Schnitt die Aufnahmen auf ein neues Band. Nach der dritten Kopie war an weitere Schnitte nicht mehr zu denken, die Qualität der Bilder wurde immer schlechter. "Wir haben deshalb vor dem Schnitt mehr nachgedacht." Heute schiebt Rothneiger die Szenen mit der Maus hin und her und schneidet noch während der Sendung. Auch die Arbeit selbst wurde schneller: Neues Rohmaterial lädt sein Programm in Sekunden.

Was zu viel ist, wird nicht wahrgenommen

Rothneiger überprüft nach dem Schnitt bei jeder Szene: "Kapiert der Zuschauer das noch?" Die eigentliche Frage ist aber: Kann er es überhaupt noch wirklich verstehen? Manche Schnittgeschwindigkeit unterschreitet längst die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung. Professor Gerhard Roth vom Institut für Hirnforschung der Universität Bremen sieht das Arbeitsgedächtnis des Menschen als "Flaschenhals der Informationsverarbeitung". Egal, wie groß die Welle an Eindrücken ist, die auf uns einströmt, durch diese enge Gasse muss sie hindurch. Das Arbeitsgedächtnis kann "nicht erweitert werden". Was zu viel ist, wird nicht wahrgenommen, selbst wenn es wichtig ist. Das Gehirn beschränke sich von selbst.

Die intuitive Wahrnehmung hingegen kann sich ändern: "Wir können viele Dinge parallel verarbeiten, aber nicht konzentriert und detailhaft", sagt Roth. Ein Einfallstor, das die Werbung nutzt: Schnelle Schnitte und schnelle Bewegungen umgehen den rationalen Filter unserer Wahrnehmung. Wir sind den Emotionen, die in uns geweckt werden sollen, ausgeliefert. Auch schnell geschnittene Nachrichten können deshalb manipulierend wirken.

Allerdings sind Nachrichten Informationen, die der Mensch evolutionär bedingt besonders gut verarbeitet. "Sie emotionalisieren", sagt Roth. Neuigkeiten waren ein Erfolgsrezept für das Gehirn, es belohnte den Menschen dafür mit der Ausschüttung von Opiaten, die wie Drogen wirken. Die entdeckte Beere im Busch verlängerte das Leben, genauso wie die Neuigkeit, dass hinter dem Busch ein Bär knurrte. Die Nachrichten heute sind andere, der Mechanismus dahinter ist derselbe. Kommen davon aber immer mehr in immer kürzerer Zeit, gerät der Mensch in "kognitiven Dauerstress". Fünfzehn Minuten Bildersturm in der Tagesschau erschöpfen das Hirn.

Andererseits verhindert der Dauerstress, dass die Zuschauer sich abwenden. Im Gegenteil: "Wir erleben das als Belastung, aber auch als Kick", sagt Roth. Schnelle Schnitte verschärfen das Grunddilemma. Nachrichten wollen uns aufregen, doch: "Je aufgeregter ich werde, desto kürzer kann ich die Aufregung noch ertragen". Das Arbeitsgedächtnis schaltet früher ab, wir verstehen immer weniger. Es ist dann immer mehr der "Kick, den man abholt". Und nicht der Inhalt der Nachricht.

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