Serie: Wozu noch Journalismus? Nennen wir es Arbyte

Vollends quantenphysikalisch, also voller Unbestimmtheiten, geht es mit journalistischer Arbeit in den neuesten Großstrukturen des Internets zu, den sozialen Netzen. Hier wird deutlich, was sich gerade verändert: aus Massenmedien werden Medienmassen. Man liest nicht mehr eine Tageszeitung und zwei, drei Wochenzeitungen, sondern man steht über Facebook und Twitter mit Freunden und Bekannten in Kontakt, von denen jeder auch andere Publikationen und Blogs liest als man selbst und, wenn er etwas besonders interessant findet, einen Hinweis plus Link auf den Artikel von sich gibt. Die Summe dieser Empfehlungen, denen man so zu folgen bereit ist, ergibt ein neues Gewebe aus Nachrichten und Unterhaltung, das mit den konventionellen Rubriken der Zeitungen nur noch wenig zu tun hat. Es ist eine Art flüssige Zeitung, es strömt, ist individualisiert und besitzt eine neue, übergeordnete Qualität, die eine einzelne Zeitung prinzipiell nicht leisten kann, eben weil die nur eine ist.

Zeitschriften im Kaffeehaus

Google News ist das heißumfehdete Lieblingsbeispiel vieler Verleger und Journalisten, wenn es um die neuen, kulturellen Molekülverbindungen geht, die sich im Internet aus dem atomisierten herkömmlichen Material formen lassen. Das Prinzip ist schon bedeutend älter und auch nicht an das Internet gebunden: Als Österreicher habe ich früh schätzen gelernt, dass man, wenn einem der Kauf mehrerer Tages- und Wochenzeitungen zu teuer ist, einfach in ein Kaffeehaus gehen kann, wo man für den Kaffee ein bisschen mehr ausgibt als zu Haus, dafür aber eine umfassende Auswahl an Presseerzeugnissen ausliegt. Im Netz, wo nun die gesamte Weltpresse ausliegt, erhält das Auswählen, verbunden mit Kurzfassungen, eine neue Qualität. Was Google News im Großen und Websites wie die Perlentaucher im kleineren Maßstab tun, ist: Sie schenken dem interessierten Leser Lebenszeit. Überinformation ist der Smog des Informationszeitalters. Je kompakter und intelligenter jemand heute Information aufbereitet, desto wertvoller wird sein Beitrag. Wer wüsste das besser als ein Journalist? Es wird auch weiterhin erstklassige Reporter und Autoren geben, die uns mit klaren Blicken auf die Welt versorgen. Die Zeit, in der Journalismus nur von einer begrenzten Berufsgruppe ausgeübt wurde, geht jedoch zu Ende. In der Internet-Ära sind wir alle dazu verdammt, Journalisten zu sein.

Form von Widerstand

Nun geht es um Fragen wie die, was eigentlich freie Meinungsäußerung bedeutet, wenn sie plötzlich tatsächlich stattfindet - nicht mehr nur handverlesen auf Leserbriefseiten oder in repräsentativen Debatten, sondern wenn plötzlich haufenweise und ungebremst drauflosgemeint wird. In Kommentarfächern und Foren wird etwas Neues erlebbar, etwas Schönes und Schauerliches, nämlich die unrasierten und ungewaschenen Formen von Meinungsäußerung. Das ist anstrengend. Nennen wir es Arbyte. Journalismus ist die zivilisierteste Form von Widerstand. So groß kann keine Krise sein, dass er verschwände.

Peter Glaser wurde nach eigenen Angaben "1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin". Glaser ist Bachmann-Preisträger, Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs und bloggt.Im Herbst 2010 erscheint das Buch Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.