Serie: Wozu noch Journalismus? Verheißungen und Hoffnungen

Ende der 1990er Jahre sah ich einen Bericht über die ersten Internet-Aktivitäten im afrikanischen Mali. Ein Wissenschaftler an der Universität in der Hauptstadt Bamako erzählte von den schlechten Telefonverbindungen im Land und wie sich Fernkontakte durch die Möglichkeiten des Internet verbessert hatten. Dann zeigte er ein in der Entwicklung befindliches System von Bildschirmsymbolen, mit dessen Hilfe auch Analphabeten mit einem Computer und dem Internet umgehen können sollten. Mehr als 80 Prozent der 15,5 Millionen Einwohner Malis können nicht lesen und schreiben. Und die Symbole auf dem Bildschirm sollten von allen Mitgliedern der etwa 30 verschiedenen Ethnien des Landes verstanden werden. Erst fand ich das großartig, dann beunruhigend. Hieß das für die nahe Zukunft möglicherweise, dass ganze Völker gar nicht mehr den Umweg über die Alphabetisierung nehmen, sondern gewissermaßen geradewegs in den Cyberspace eintreten werden?

Mögliche Abschaffung der Schrift

Das Netz stand damals gerade erst ein paar Jahre im Blickpunkt der Öffentlichkeit, 1993 war es vom Himmel gefallen, und es hatte mich als jemanden, der schreibt, mit Verheißungen und Hoffnungen gelockt. Denn das Internet war - und das ist es auch immer noch - ein zum größten Teil textgetragenes, von Schrift und Sprache durchquertes Medium. Die mögliche Abschaffung - oder Überwindung - der Schrift, wie man will, war nun etwas, das nicht nur den Journalismus in seinen Grundfesten bedrohte (obwohl wir spätestens seit dem Vietnamkrieg wissen, dass man mit Bildern sogar einen Krieg verlieren kann, betrachtet der geschriebene Journalismus sich insgeheim als die Königsform).

IRC-Kanal #oklahoma

Ein Ereignis in dieser Zeit, vor allem aber, wie die Welt davon Kenntnis erhielt, brachte den Journalismus der Zukunft aufs Tapet: Der Bombenanschlag in Oklahoma City am 19. April 1995 wurde als Erstes von keinem der herkömmlichen Nachrichtenmedien gemeldet, sondern von Augenzeugen, die, was sie vor ihren Fenstern sahen, sofort in ihre Computer tippten - und zwar in den Internet Relay Chat (IRC), eine der ersten weltweiten Internet-Plaudergelegenheiten.

In einem sofort eingerichteten IRC-Kanal #oklahoma sammelten sich ständig neue Beobachtungen, Informationen und Kommentare. Und als CNN und die anderen zu berichten begannen, war das IRC Teil der spektakulären Neuigkeit. Hier, so hieß es in der Zeit nach dem Ereignis immer wieder, beginne der Weg des Journalismus ins 21. Jahrhundert.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie man geldwerte Klicks einsammeln kann.