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Serie: Wozu noch Journalismus?:Medienbranche wie die Getränkeindustrie

Wozu noch Journalismus? Analog zu den Ärzten und Rechtsanwälten sollte sich eigentlich auch diese Frage wie von selbst beantworten. Gerade im Zeitalter des Informationsüberflusses, in dem jeder von uns tagtäglich mit so viel Infomüll zugeschüttet wird, brauchen wir professionelle Aufbereitung von Nachrichten mehr denn je. Das Relevante ist vom bloß Interessanten oder gar Unnützen zu scheiden. Ins Dickicht der interessengesteuerten, einseitigen "Gratis"-Kommunikationsangebote der PR-Profis sind außerdem Schneisen zu schlagen.

Wir brauchen zudem "Muckraker" - Staubaufwirbler. So heißen in Amerika Journalisten, die dort herumwühlen, wo die Mächtigen und ihre Heerscharen von Öffentlichkeitsarbeitern und Spindoctors ihr Bestes geben, um Dinge "unter der Decke" zu halten. Dass die Medien als "vierte Gewalt" gelegentlich Skandale und Machenschaften ins öffentliche Rampenlicht zerren, ist - neben der Justiz - noch immer der wirksamste Versicherungsschutz gegen Korruption und Machtmissbrauch.

Bierdosen verschenken

Mit einem vergleichbaren Vertrauensvorschuss wie Ärzte oder Rechtsanwälte können Journalisten allerdings nicht mehr rechnen. Bei der Allensbach-Umfrage nach dem Ansehen von Berufen rangieren Journalisten seit Jahren auf den hinteren Rängen. Und Studien zur Glaubwürdigkeit von Massenmedien belegen regelmäßig, dass diese seit Jahrzehnten abnimmt. Womöglich ist die sinkende Zahlungsbereitschaft der Publika für Journalismus ja eine Art Quittung für dessen Glaubwürdigkeitsverluste. Auch Ärzten oder Rechtsanwälten, denen wir nicht vertrauen, bezahlen wir ja eher ungern ihre Rechnungen.

Wozu noch Journalismus? Die Frage ist schlichtweg falsch gestellt. Die viel wichtigere Frage lautet: Wer ist bereit, für das Öko-System Journalismus, das für das Gemeinwesen unentbehrlich ist und das wir alle brauchen, wie viel zu bezahlen? Und wer lebt derzeit als Trittbrettfahrer von journalistischen Leistungen, für die er nichts bezahlt?

In jüngster Zeit ist es komischerweise in Mode gekommen, die Medienbranche mit der Getränkeindustrie zu vergleichen.

Mathias Döpfner, Vorstandschef der Springer AG, hat bei den Münchner Medientagen Nachrichten mit Bier verglichen: "Wenn es Ihre geschäftliche Entscheidung ist, Bierdosen zu verschenken - bitteschön", sagte er, an Blogger, soziale Netzwerke und Suchmaschinen-Betreiber gewandt. "Aber nehmen Sie nicht unser Bier und offerieren Sie es gratis."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Journalismus aus dem Elfenbeinturm eines Medienforschers aussieht.

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