Wozu noch Journalismus?:Statisch und relativ unübersichtlich

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Es ist deshalb eine falsche Annahme, dass ausgerechnet jener auslaufende Computer die werbefinanzierten Zeitungen (oder TV-Programme) ablösen wird. Wie viele Experten haben uns schon erklärt, dass der Computer mit Hilfe des Internet den klassischen Medien den Garaus macht, indem man die URL einer beliebigen Medienmarke in einem Browserfenster öffnet, um dort am Bildschirm den Journalismus ebendieser Medienmarke zu genießen?

Gleichzeitig äußern viele Menschen Skepsis, wenn sie gefragt werden, ob sie das mögen. Sie beschreiben dann ihre positiven Gefühle für gedruckte Medien: Ich mag Papier. Oder: Ich brauche sonntags Druckerschwärze an meinen Händen. Fehlt nur, dass sie sagen: Ich finde es toll, meinem Nachbarn in der Business Class versehentlich einen Kinnhaken zu verpassen, wenn ich die FAZ aufschlage. Uns verwundert es nicht, dass Journalismus auf dem gewöhnlichen Computer keinen großen Spaß bereitet. Internetseiten sind statisch und relativ unübersichtlich.

Was immer übersehen worden ist: Nicht der Journalismus ist das Auslaufmodell - sondern das Geschäftsmodell dahinter, also die Art, wie der Journalismus generiert und verbreitet wird und wie die gedruckten Medien und auch das Fernsehen damit ihr Geld verdienen. Vor lauter Panik - und durch die Bank - haben die Verlage den Fehler gemacht (von TV-Sendern ganz zu schweigen), dort zu sparen, wo sie am meisten Geld ausgeben: in den Redaktionen.

Als beliebig skalierbares Produkt missverstanden

Der Journalismus ist in den letzten Jahren massiv gequält, kastriert und geopfert worden, zugunsten von Suchmaschinenoptimierung, (irrwitzigen) Monetarisierungstheorien und der sogenannten Content-Wiederverwertung. Journalismus ist lange als beliebig skalierbares Produkt missverstanden und im Denglisch der Manager als Content missbraucht worden. In der Not ist das verständlich, jedoch am Ende ist es fatal. Wenn Zeitungen sterben und Werbespots ausbleiben, ist es richtig und angemessen, sich Sorgen um den Journalismus zu machen. Es ist aber nicht folgerichtig, ihn in Frage zu stellen.

Der Journalismus wird wieder notwendiger, je mehr sich die Medien wieder auf ihn konzentrieren können, weil sie die Probleme gelöst haben, die ihre Geschäftsmodelle gefährdet und wohl auch in Teilen auch zerstört haben: das teure Papier, der teure Druck, der teure und komplizierte Vertrieb, die zunehmend unattraktive und immer billiger werdende Anzeigenwerbung, und das nicht wirklich in die Gänge kommende Internet plus Personal Computer als die große Alternative zu alldem.

Darstellung von Themen auf unterschiedlichen Ebenen

Wir sind fest überzeugt, dass sich vieles mit der neuen Generation von Geräten mit intuitiven Steuerungsmöglichkeiten zum Guten verändern wird. In unserer eigenen Arbeit bei KircherBurkhardt sind wir daran beteiligt, die echte Kreuzung, einen wahren Hybrid aus der gedruckten Zeitung und dem internetbasierten Computer zu erfinden. Jeder Tag, den wir mit der Entwicklung von Anwendungen für das iPad verbringen, verstärkt den Eindruck, dass Journalismus wieder viel Spass machen wird. Manchmal kommt es uns so vor, dass die Entwicklungsprojekte für die Verlage in den vergangenen Jahren den einen Sinn hatten, uns auf das vorzubereiten, was wir heute schaffen: eine Mischung aus Fernsehen, Print und Computerspiel. So gewinnt der Journalismus ans Reflektionsstärke und an Tiefe.

Die neuen Technologien verlangen einen neuen Premium Journalismus. Es wird in Zukunft mehr denn je in der Darstellung auf Tiefe ankommen. Damit ist nicht (nur) journalistische Fundiertheit im allgemein anerkannten Sinne gemeint, sondern vielmehr eine breite, vielseitige Darstellung von Themen auf unterschiedlichen Ebenen: Text, zusätzliche Informationen, Graphiken und Animation, Fotos, Filme. Es ist eine Hoffnung zu spüren, dass gründlich recherchierte, faszinierend formulierte und reichlich eingängige Inhalte bald wieder eine Konjunktur erleben könnten.

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