Wozu noch Journalismus? Trend zu Informationsschnipseln

Ein weiteres Problem, das durch die Aufmerksamkeitsmisere gefördert wird, ist der Trend zu Informationsschnipseln. Abstracts und Executive Summaries sind deshalb sehr beliebt. Die sogenannten Informationseliten buchen Clipping-Dienste, die alles vor- und das Unerwünschte aussortieren. Und am Ende dominieren die Schnipsel und Fragmente von Information. Dafür gibt es viele abfällige Namen: Häppchenjournalismus, Newsbites- oder (gar nur noch) Soundbites-Journalismus und die für viele Zeitungsredakteure geradezu apokalyptisch anmutende Entwortung. Wir nennen es einfach nur die Clipping Culture.

Andererseits wünschen sich die Menschen, ihr spezifisches Wissen zu vertiefen - Soziologen sprechen vom Trend des Knowledge Enhancement. Gleichzeitig wird zu viel Wissen - vor allem von notorisch Halbgebildeten - als überflüssig empfunden. Der Zeiteinsatz für das Lesen wird gemessen daran, ob es sich lohnt. Allgemein informiert zu sein, eine Art allgemeinen Themenspeicher (mit sich) zu führen, also im guten bürgerlichen Sinne allgemeingebildet zu sein, mag sich nützlich im Smalltalk auszahlen, ist aber in Smartphone-Zeiten beinahe überflüssig. Alles kann auf dem iPhone sofort nachgeschlagen und eingeordnet werden.

Grenzen der Zweidimensionalität

Mit der Aufmerksamkeitsmisere, der Clipping Culture und dem gleichzeitigen Bedürfnis nach Wissensvertiefung müssen Redaktionen umzugehen, ja, geradezu spielerisch umzugehen lernen. Journalismus darf an diesen vermeintlich gegenläufigen Trends nicht verzweifeln, sondern er sollte selbstbewusst versuchen, die Menschen damit einzufangen. Journalisten sollten Schnipsel und Häppchen nicht verdammen, sondern sie vielmehr verdammt ansprechend machen. So kann ihre Arbeit eingängiger werden. Die Menschen wünschen sich einen besseren Zugang zu Themen und mehr Eindringlichkeit.

Zur Verteidigung des Papiers, das auch weiterhin gute journalistische Zwecke erfüllen kann, muss gesagt werden, dass die Grenzen seiner Zweidimensionalität erst durch die digitale Entwicklung der vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren deutlich geworden sind. Eine gedruckte Zeitung mit einer hervorragend gemachten Version derselben Zeitungsmarke auf dem Ipad zu vergleichen, ist noch viel krasser als ein Waschbrett an einem internetgesteuerten Waschvollautomaten zu messen.

Der PC ist ein Auslaufmodell

Eigentlich erleben wir nicht den Trend, dass sich der Journalismus vom Papier löst, sondern von einer über Jahrhunderte entwickelten, spezifischen Zweidimensionalität, in der ein Artikel immer neben einem anderen Artikel stand. Die zweidimensionale Architektur des Journalismus hat es auf Papier unmöglich gemacht, Texte beliebig miteinander zu verbinden.

Und auch der Journalismus auf dem PC (auf Browser-Seiten) weist dieses Problem noch auf. Dort sind Links möglich, parallele Einbettungen von komplexeren Inhalten aber oft nicht - nicht zuletzt, weil das auf dem Bildschirm nicht lesefreundlich wäre. Der Personal Computer, den wir nun alle so gut kennen, wird den Journalismus deshalb auch nicht wesentlich weiterbringen. Zugegeben, es klingt noch etwas arg horxisch, aber der PC, egal ob DOS oder Mac, egal ob als Laptop oder unterm Tisch, ist ein Auslaufmodell. All diese Gerätschaften, so schick sie auch ausschauen mögen, sind komplex und sperrig und warten auch auf ihre Ablösung. Das hat mit ihrer Prothesenartigkeit zu tun. Bildschirme, Computermäuse, Trackpads, Trackballs, Pfeil- und Funktionstasten - diese Armada umständlicher Bedienhilfen führt uns nicht direkt heran an die Inhalte, sondern hält uns in Wahrheit immer ein Stück auf Distanz.