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Serie: Wozu noch Journalismus?:Medienkritik gehört zum guten Ton der Berliner Republik

Ähnliche Fragen könnte der Bundespräsident bezogen auf die Berichterstattung aller Medien über die öffentlich weitgehend verdrängten Machtmechanismen in Europa stellen. Etwa 70 Prozent aller relevanten politischen Entscheidungen fallen in Brüssel, so die übereinstimmende Bewertung erfahrener Wissenschaftler, Staatssekretäre und sogar des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages. Aber sind in Brüssel auch 70 Prozent aller journalistischen Ressourcen konzentriert? Die hier zu verortende "Kette von Fehlschlägen" der Politik wird vom Gros der Medien nicht oder nur sehr verspätet aufgegriffen und rasch von "wichtigeren" Themenkonjunkturen abgelöst. Brüssel ist heute journalistisches Notstandsgebiet, ohne dass Verleger, Sendeverantwortliche und Medienkonzerne dies erkannt hätten. Die Kommunikationswissenschaftlerin Claudia Huber hat diese Defizite bereits Ende 2007 in ihrer Studie "Black Box Brüssel" kompakt zusammengetragen. Was kann man aus dieser "Kette von Fehlschlägen" lernen?

Die klassischen Funktionen von Kritik und Kontrolle durch die Medien müssten reanimiert und gepflegt werden. Diese Kernaufgaben eines sicheren Frühwarnsystems und eines effektiven Kontrollfilters im parlamentarischen Prozeß sind übrigens die Grundlage für die verfassungsrechtlich garantierten Privilegien der Medien. Nur - warum brauchen viele Journalisten überhaupt Informantenschutz, wenn ihr bester Informant der Pressesprecher mit seinen konfektionierten Botschaften ist? Christian Bommarius, leitender Redakteur der Berliner Zeitung, hat diese Entwicklung treffend auf den Punkt gebracht: "Der Journalismus leidet nicht an fehlendem Geld, sondern an fehlendem Journalismus."

Werttreiber Recherche: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende

Knapp 40 Prozent der Deutschen sagen in einer seriösen Allensbach-Umfrage, dass sie die vielen Medien-Angebote in Print, Online, Fernsehen und Hörfunk verwirren. Die Orientierung über das wirklich Wichtige werde ihnen dadurch erschwert. Diese Orientierungsleistung, die auf klaren Kriterien beruhende Trennung von Wichtigem und Unwichtigem, die auf Fachkompetenz und Reflexion beruhende Einordnung von Nachrichten sowie die Anreicherung mit Hintergrundwissen und erfahrungsgesättigter Bewertung von Vorgängen ist eigentlich das Kerngeschäft des Journalismus. Offenbar gibt es ein Bedürfnis "Informationen zu verstehen", auf überprüfte Informationen zu vertrauen, um überhaupt noch mitreden zu können.

Dieser zu oft vernachlässigte Auftrag des Journalismus kann nur erfüllt werden, wenn die Recherchekultur in Deutschland wiederbelebt und in der Praxis gefördert wird. Eine solide Recherche und gründliche Quellenprüfung ist der beste Filter zur Trennung von wichtigen und unwichtigen Informationen. Halbgares, PR-infiziertes, inszeniertes und auf Pseudo-Expertise beruhendes Informationsmaterial könnte mit Hilfe sorgfältiger Recherche gefiltert werden.

Die Deutsche Presse Agentur (dpa) hat jüngst - angestoßen von ernstzunehmenden Pannen - durch ein Bündel von Dienstanweisungen, Empfehlungen und Kontrollfiltern auf die zunehmende Kannibalisierung des Journalismus von außen reagiert. Der sieben-seitige Text des neuen Chefredakteurs Wolfgang Büchner könnte ein Master-Plan für alle Medien sein. Zudem sollte der Text als Tischvorlage die nächste Klausur des Deutsche Presserates beflügeln. Denn die in Fragen der Qualitätssicherung zögerlichen Journalistenverbände und Verleger müssten nichts Neues erfinden. Sie könnten nach einer intensiven Diskussion das Beste aus dem dpa-Papier in den dringend renovierungsbedürftigen Pressekodex übernehmen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum in gut ausgestatteten Medienjournalismus anstatt in nicht kontrollierende Landesmedienanstalten investiert werden sollte.

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