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Serie: Wozu noch Journalismus? (18):Trend zur Brotbackmaschine

Der mediale Frontalunterricht geht zu Ende - jetzt kommt es für Journalisten darauf an, ein Forum führen zu können.

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander. In dieser Folge beschäftigt sich Dirk von Gehlen mit der Verbindung von Lesern und Journalisten

Dirk von Gehlen, Foto: Holly Pickett/oh

Publizistische Bäckermeister müssen sich umstellen: Dirk von Gehlen.

(Foto: Foto: Holly Pickett/oh)

Wer verstehen möchte, was den Kern der Herausforderungen ausmacht, mit denen Journalisten in der Digitalisierung konfrontiert sind, muss sich einen Bäckermeister vorstellen, der auf den Trend zu Brotbackmaschinen in Privathaushalten reagieren muss. Dabei ist die Demokratisierung der Produktionsmittel im Bäcker-Handwerk weit weniger revolutionär als in der Medienbranche.

Die Zutaten, die es braucht, um ein Brot herzustellen, sind ebenso bekannt wie die technische Ausstattung dafür verbreitet ist. Schon seit einer Weile. Dennoch käme in der Back-Branche vermutlich niemand auf die Idee, das Aufkommen der "Bürger-Bäcker" mit der Debattenfrage "Wozu noch Nahrungsaufnahme?" zu thematisieren.

Dass die Medienbranche jedoch zu derart existenziellen Zweifeln neigt (und ich hier die äquivalente Frage zu beantworten versuche), zeigt zweierlei: Zunächst scheint es eine so große Verunsicherung darüber zu geben, welche Rolle der professionelle Journalist für die mediale Nahrungsaufbereitung spielt, dass gleich der ganze Berufsstand in Zweifel gezogen wird. Und das liegt wiederum zweitens daran, dass viele publizistische Bäckermeister daran gewöhnt waren, die Brötchen exklusiv herzustellen und zu verbreiten.

Blinde Begeisterung und völlige Ablehnung

Dass Amateure in ihrer Branche auftauchen, ist für sie erschütternd neu. Es verändert die Bedingungen, aber es stellt das System nicht in Frage. Den Grad der Veränderung auf der Skala zwischen blinder Begeisterung und völliger Ablehnung angemessen darzustellen, ist also ein erster wichtiger Schritt in Richtung Beantwortung der Frage.

"Wir erleben einen ernormen Wandel im Journalismus", hat der große alte Mann des amerikanischen Print-Journalismus, Seymour Hersh, unlängst in einem Interview bekannt; und ergänzt: "Dieser Wandel findet online statt. Es entsteht eine faszinierende, eine neue Art der Kommunikation."

Hersh, der für den New Yorker arbeitet und als investigativer Reporter unter anderem den Skandal in Abu Ghraib aufgedeckt hat, ist sicher kein blinder Web-Fanatiker. Der 73-Jährige spricht auch nicht von Multimedia oder Konvergenz, er spricht von einer faszinierenden Art der Kommunikation. Er spricht vom Dialog zwischen Journalisten und Zuschauern, vom Ende des medialen Frontalunterrichts. Seymour Hersh spricht vom Internet.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum das unausgesprochene Band zwischen den Lesern so wichtig ist.