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Serie "The Eddy":"In Frankreich ging es familiärer zu"

The Eddy

Internationale Musikerversammlung im Pariser Nachtclub – wie Produzent Alan Poul erzählt, war beim Dreh von "The Eddy" manches anders als in den USA.

(Foto: Lou Faulon/Netflix Original)

Die Serie "The Eddy" spielt in einem Pariser Jazzclub - und bestand erst nur aus Musik. Produzent Alan Poul im Interview über internationale Netflix-Projekte und die Faszination, mit dem Schluss zu beginnen.

Interview von Patrick Heidmann

Der amerikanische Produzent Alan Poul, geboren 1954 in Philadelphia, verantwortete bahnbrechende wie preisgekrönte Serien wie Willkommen im Leben, Six Feet Under oder The Newsroom, außerdem steht er seit etlichen Jahren bei einzelnen Episoden selbst hinter der Kamera. In dieser Doppelfunktion ist er auch an The Eddy beteiligt. Die Serie, deren acht Folgen nun bei Netflix verfügbar sind, ist rund um einen gleichnamigen Pariser Jazzclub angesiedelt. Der wird von einem Exil-New-Yorker geleitet, der zweifelhafte Geschäftspartner, Geldsorgen und eine chaotische halbwüchsige Tochter hat. In der Serie wird Englisch, Französisch, Arabisch und Polnisch gesprochen, sie zeigt mit wackliger Kameraführung ein multikulturelles Paris. Und sie knüpft an den Erfolg des Musical-Films La La Land an. Beim Treffen anlässlich der Weltpremiere in Berlin spricht Poul über eine Serie mit einer ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte.

SZ: Mr. Poul, "The Eddy" wird als erste Serie von Oscar-Gewinner Damien Chazelle vermarktet. Der eigentliche Strippenzieher als Produzent und Co-Regisseur sind allerdings Sie, nicht wahr?

Alan Poul: Sagen wir es mal so: Die Idee zur Serie kam weder von Damien noch von mir, sondern von dem Songschreiber und Musikproduzenten Glen Ballard. Der drückte mir 2013 eine CD in die Hand, die ich mir unbedingt anhören sollte. Seine genauen Worte waren: "Diese Songs habe ich für eine Serie geschrieben, die in einem Jazzclub im heutigen Paris spielen soll." Er hatte keine Geschichte, keine Figuren - nichts als die Songs. Aber die waren wirklich fantastisch, nicht zuletzt als Glen und seine Jazzband sie dann auch noch live spielten.

Und das reichte Ihnen, um mit der Entwicklung einer Serie zu beginnen?

Ich fand das einfach spannend, mal quasi von hinten anzufangen, also nicht mit einem Drehbuch, sondern mit der Musik, die ja gewöhnlich erst zum Schluss kommt. Mir kam sofort Damien Chazelle in den Sinn. Dessen Schlagzeuger-Film Whiplash war damals gerade abgedreht, dank seines Debüts Guy and Madeline on a Park Bench wusste ich, was er für ein Jazz-Fan ist. Außerdem ist er Halbfranzose! Tatsächlich war er auch gleich begeistert von der Idee, doch weil er schon in der Vorbereitung zu La La Land steckte, brauchten wir auf jeden Fall einen Drehbuchautor, den wir in Jack Thorne fanden. So kann man also sagen, dass Glen, Damien, Jack und ich alle vier die Eltern des Babys The Eddy sind.

Von Figuren und Ästhetik wirkt "The Eddy" in vielerlei Hinsicht eher wie eine europäische als wie eine amerikanische Serie. War das von Anfang an beabsichtigt?

Die Paris-Idee kam, wie gesagt, von Glen, aber wir alle waren uns einig, dass diese Geschichte nirgends sonst spielen sollte. Ursprünglich war das Konzept allerdings sehr viel amerikanischer angelegt, fast alle Figuren waren Exil-Amerikaner in Paris. Das änderte sich dann, als wir mit der Serie bei Netflix landeten, wo man ja die Devise hat, dass Shows nicht nur dort produziert werden sollen, wo sie spielen, sondern auch überwiegend in der jeweiligen Landessprache. Plötzlich war also die Ansage: Wir brauchen mehr Franzosen - und mehr Französisch!

In der US-Fernsehbranche sind Sie ein alter Hase, der jeden kennt. Aber in Frankreich waren Sie sicherlich nicht wirklich vernetzt, oder?

Das war eine ganz neue Herausforderung. Denn in der Tat gehörte zu den Netflix-Vorgaben, dass wir nicht mit komplettem Team aus den USA oder England in Paris einfallen, sondern das Projekt auch zu einer lokalen Produktion wird. Also haben wir uns mit allen etablierten TV-Produktionsfirmen in Paris getroffen und uns schließlich mit Olivier Bibas und seiner Atlantique Productions zusammengetan, die auch schon an Serien wie Transporter, Borgia oder zuletzt Eden beteiligt waren. Ich fand diese Partnerschaft unglaublich bereichernd und auch lehrreich.

Produziert man denn in Frankreich so anders als in den USA?

Es gibt immer lokale Unterschiede, nicht zuletzt was Arbeitszeiten oder Gepflogenheiten der Mittagspause angeht. Was ich aber vor allem interessant fand: wie viel kleiner unser Team war. In den USA haben Fernsehproduktionen einen viel größeren Fußabdruck, wie man ja heutzutage sagt. Aufgrund der strengen Gewerkschaftsregeln braucht man viel mehr Leute, und es ist immer ganz klar geregelt, wer welche Aufgaben übernehmen darf. In Frankreich ging es in der Crew sehr viel familiärer zu, jeder packte überall mit an.

Sie wollten bei "The Eddy" neben Chazelle und sich unbedingt Frauen hinter der Kamera. Die vier Folgen in der Mitte haben dann die Regisseurinnen Houda Benyamina und Laïla Marrakchi übernommen. Bei Ihren Serien spielte Diversität immer schon eine Rolle. Haben Sie das Gefühl, dass die Branche endlich aufwacht?

Stimmt, ich habe schon auf Diversität gesetzt, lange bevor das zum guten Ton gehörte! Und natürlich finde ich großartig, welche Veränderungen in der Film- und Fernsehbranche stattfinden. Denn wir waren diesbezüglich wirklich rückständig! Aber so etwas schüttelt man auch nicht mal eben aus dem Ärmel. Als Produzent ist es einerseits die oberste Aufgabe, dass bei der Qualität keine Abstriche gemacht werden. Andererseits müssen wir gezielte Anstrengungen unternehmen, wenn wir etwas bewirken wollen. Diese Gratwanderung ist nicht ohne - und es gibt dabei auch Verlierer.

Was meinen Sie?

Ich kenne durchaus Leute in unserer Branche, die aktuell manche Jobs nicht bekommen, weil sie weiße Männer sind. Das finde ich - wenn man das große Ganze betrachtet - vollkommen okay. Hier findet gerade eine grundlegende Kurskorrektur statt, die richtigstellen will, was über Jahrzehnte schieflief in Sachen Gleichberechtigung. So etwas passiert nun einmal nicht ohne Opfer, das wissen selbst die Betroffenen. Aber natürlich kann ich Mitgefühl haben für Einzelne , denen dadurch Nachteile entstehen.

The Eddy, bei Netflix*

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© SZ vom 12.05.2020
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