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"Serial"-Nachfolger "S-Town":Vertuschter Mord, korrupte Polizisten und White Trash

Der Wald vor lauter Bäumen: Für S-Town ist Reporter Brian Reed nach Alabama gereist, um eine Geschichte voller Sackgassen zu recherchieren.

(Foto: Andrea Morales)

Für "S-Town", den neuen Podcast der "Serial"-Macher, reist ein Journalist in den tiefen Süden der USA, um einen Kriminalfall zu lösen. Doch dann kommt alles anders.

Im ganzen Bundesstaat gebe es nur ein Labyrinth, dessen Irrgänge aus Hecken bestehen, sagt John B. McLemore, und zwar das, was in seinem Garten in Shittown, Alabama wächst. "Scheißstadt" heißt der Ort natürlich nicht wirklich, aber McLemore nennt ihn so, weil es dort zu viele Tätowierte gibt und korrupte Polizisten und den Sohn einer reichen Familie, der damit prahlt, mit einem Mord davongekommen zu sein. Ob nicht ein Reporter vorbeikommen könne, das zu recherchieren?

So beginnt die neue Geschichte der Macher von Serial , S-Town, wie der Podcast etwas unverfänglicher heißt, und die selber ein bißchen an ein Labyrinth erinnert, wenn auch ohne Ausgang, dafür aber mit umso mehr Sackgassen.

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Ein Irrweg ist, dass S-Town so ähnlich beginnt wie Serial. Tatsächlich macht sich der Reporter und Ich-Erzähler Brian Reed auf den Weg nach Alabama, um herauszufinden was dran ist an den wilden Geschichten von McLemore. Aber während Serial im Jahr 2014 zwölf Folgen lang einem echten Mordfall hinterherrecherchierte, Hunderte Millionen Zuhörer zu Ko-Ermittlern machte und quasi nebenbei das Medium Podcast neu erfand, ist der Kriminalfall in S-Town recht bald aufgeklärt.

Es gibt Momente in S-Town, die zu Tränen rühren

Anders als Serial packt S-Town seinen Zuhörer nicht sofort, die ersten beiden Folgen sind die schwächsten der Erzählung. Dann kommt ein Mensch zu Tode und eine neue, interessantere Geschichte beginnt, die mit True Crime aber nichts mehr zu tun hat. Dafür mit verstecktem Gold, White Trash und antiken Uhren.

Mehr als die ersten beiden Staffeln von Serial lebt S-Town nicht nur von der Eigendynamik der Geschichte, sondern auch von dem, was zu hören ist. McLemore und die anderen Bewohner von S-Town sprechen breitesten Südstaaten-Slang, die Zikaden sirren. Ein paar Mal plappert im Hintergrund ein Mann, der vor 22 Jahren nach einer Nacht auf Crystal Meth zu laut an einen Trailer klopfte und deswegen eine Kugel in den Kopf bekam. Die Kugel ist immer noch drin, seitdem versteht er zwar noch alles, kann aber nicht mehr gut sprechen: "Money! Money! Money!" ruft er oder "Death! Death! Death!", er klingt wie ein Papagei in einem Gruselfilm.

Es gibt Momente in S-Town, die zu Tränen rühren, etwa, wenn Reporter Brian Reed am Telefon vom Tod eines Bekannten erfährt und der Zuhörer so direkt dabei ist, wie es bei dokumentarischen Formaten nur selten passiert: Welcher Reporter hat schon zufällig das Band laufen, wenn er eine Todesnachricht erhält?

S-Town wird von Folge zu Folge besser; immer wieder gelingt es Reed, durch Perspektivwechsel das Gehörte in Frage zu stellen. So setzt sich nach und nach das Porträt eines gewöhnlichen Ortes und seines vermutlich außergewöhnlichsten Bewohners zusammen. Aber die erhofften Antworten bekommt der Zuhörer nicht. Am Ende der letzten Folge findet er sich doch wieder in der Mitte des Labyrinths wieder, und um ihn herum nur Wände aus Hecken.

S-Town , sieben Folgen, zum Abruf unter www.stownpodcast.org

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