Schweizer Gratis-Zeitung "20 Minuten" "Zukunft war online"

In Deutschland konnten sich Gratiszeitungen bislang nicht durchsetzen. "Fast schon mit mafiösen Methoden" hätten deutsche Verleger die Eindringlinge fertig gemacht, sagt Boselli, als die norwegischen Ur-Väter des Umsonst-Konzepts vor mehr als zehn Jahren in Köln Fuß zu fassen versuchten. Außerdem hätten Verleger Gratiszeitungen "lange nicht auf dem Radar gehabt", fügt er hinzu: "Die Zukunft war online, und gratis war etwas für dumme Menschen." Warum es beim deutschen Nachbarn noch immer keine Gratisblätter gibt, weiß der Schweizer ebenfalls: "So ein Konzept funktioniert nur im nationalen Rahmen", ist er überzeugt, "und das kostet sehr, sehr viel Geld." Zudem würden Regionalverlage, die bisher kaum elektronische Konkurrenz zu fürchten haben, erbitterten Widerstand leisten, sobald kostenfreie Publikationen auf ihren geschützten Heimatmärkten zu wildern begännen.

Auf heimische Konkurrenz wird sich freilich schon bald auch 20 Minuten einstellen müssen, zumindest im Online-Bereich. Auf den überraschenden Namen "Watson" hört das Projekt eines neuen Online-Portals für weiche Unterhaltungsnews, das derzeit von dem Aargauer Regionalverleger Peter Wanner (AZ Medien AG) vorangetrieben wird. Rund 20 Millionen Franken will er nach Medienangaben in den kommenden drei bis vier Jahren investieren. Er hofft, in derselben Zeitspanne 20 Minuten vom Thron des Online-Spitzenreiters zu stoßen. Zielgruppe sind Smartphone-Nutzer, die ihre Informationen praktisch nur noch über das Handy beziehen.

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"Natürlich muss man jede Konkurrenz ernst nehmen", betont Boselli vorsichtig mit Blick auf Watson. "Aber ich jedenfalls möchte nicht gegen uns antreten müssen. Tamedia hat in den vergangenen Jahren viel Geld investiert, um uns zu dem zu machen, was wir heute sind - online und im Print."

Lebendes GegenbeispielZudem kennt auch Boselli die Binsenweisheit, dass trotz Elektronik-Hype im Verlagswesen echtes Geld immer noch mit gedruckten Zeitungen verdient wird. Von Bezahlschranken für Online-Inhalte, wie sie in der Schweiz mit offenkundig kläglichem Ergebnis die Neue Zürcher Zeitung vor einem Jahr eingeführt hat, hält er entsprechend wenig. "Wir sind das lebende Gegenbeispiel", betont er. "Bei uns ist alles frei - Druck und Online."

Einen älteren Konkurrenten kann 20 Minuten ohnehin fast ignorieren. Der Blick am Abend ist die Gratisversion des Blick und wird - im Gegensatz zu Bosellis Morgenblatt - an die Feierabend-Pendler verteilt. Bei Auflage und Reichweite fällt das Produkt des Ringier-Verlags jedoch weit hinter 20 Minuten zurück. Das liegt unter anderem auch an der Erscheinungszeit: abends wandern die Blätter durch weniger Hände als am Morgen. Aber mit einem Blick am Morgen hätten die Boulevardmacher nicht nur 20 Minuten, sondern auch ihr eigenes Bezahlblatt attackiert.

Letztlich aber kommt es auch bei kostenlosen Blättern auf inhaltliche Qualität an. Boselli zumindest ist sich sicher, dass "wir besser sind als unser Ruf: Wir haben tolle, eigene Geschichten, kompakt geschrieben auf 50, 60 Zeilen - und das ist nicht einfach." Er kann belegen, dass sich nicht nur einfaches Volk von leichter Kost verführen lässt. Auch bei den nach Ausbildung, Einkommen und beruflicher Position führenden Menschen liegt 20 Minuten nach einschlägigen Erhebungen an der Spitze: "Noch vor der NZZ."