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Dokudrama "Schuss in der Nacht":"In Istha passiert so etwas nicht"

Schuss in der Nacht âÄ" Die Ermordung Walter Lübckes

Joachim Król als Ermittler beim Verhör des Tatverdächtigen im fiktionalen Teil des Dokudramas.

(Foto: Daniel Dornhoefer/HR)

Noch vor dem Urteil gegen den Tatverdächtigen widmet sich die ARD in einem Dokudrama dem Mordfall Walter Lübcke. Das ist packend, aber es bleibt ein Unbehagen.

Von Joachim Käppner

Einige Zeit vor seinem gewaltsamen Tod saß Walter Lübcke mit einem Freund auf der Terrasse seines Hauses. Der Freund wies auf die offene Landschaft und fragte, wie Lübcke sich hier schützen könne. Es hatte Morddrohungen gegen den CDU-Politiker gegeben, viele davon. Aber Lübcke antwortete: "Wir sind hier in Istha. In Istha passiert so etwas nicht."

Am 1. Juni 2019, während nebenan die Kirmes lief, wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke auf seiner Terrasse im hessischen Wolfhagen-Istha erschossen. Es war also doch passiert.

Worte, Sätze, Reaktionen des Tatverdächtigen lassen frösteln

Walter Lübcke war Christdemokrat, Mitglied vieler Vereine, Reserveoffizier, beliebt bei den Leuten. Dann traf die Nachricht sein Umfeld wie ein Schock: "Der Walter ist ermordet worden. Der Walter ist tot." Der Tat angeklagt ist derzeit ein Rechtsextremist, die Verhandlung läuft vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Noch vor einem Urteil also widmet sich das ARD-Dokudrama Schuss in der Nacht dem Anschlag auf den Politiker, teils als Spielfilm, teils durch Interviews vor allem mit Menschen, die Lübcke kannten und seine honorige Persönlichkeit schildern.

Die fiktionalen Szenen enthalten Vernehmungen des mutmaßlichen Mörders und der Tatortbegehung. Sie sind psychologisch dicht gemacht, was auch dem Schauspielteam zu verdanken ist, mit Joachim Król und Katja Bürkle als Ermittlerduo und Robin Sondermann als Tatverdächtigem. Seine Worte, Sätze, Reaktionen lassen frösteln, gezeigt wird ein Mann, der in einer eigenen, Moral und Vernunft nicht mehr zugänglichen Welt zu leben scheint.

Der Schrecken des Terrors, der die Mitte der Gesellschaft trifft

Lübcke hat, wie genau rekonstruiert wird, in einer Bürgerversammlung zur Aufnahme von Flüchtlingen 2015 rechten Störern zugerufen, jeder, dem es in Deutschland nicht passe, könne das Land ja verlassen. Er selber habe, wie Zeugen im Film berichten, diese Polemik zeitweise bedauert. In der rechtsextremen Szene wurde er zur Hassfigur - bis aus Worten des Hasses eine Tat wurde, die im Grunde jeden demokratischen Politiker treffen könnte. In eindrücklichen Szenen berichten Teilnehmer von einem Gefühl der Scham, während der Versammlung geschwiegen zu haben.

Der Schrecken des Terrors, der die Mitte der Gesellschaft trifft: Dies zu schildern, gelingt dem Film eindrucksvoll. Dennoch bleibt ein Gefühl des Unbehagens, und das liegt nicht an der ausgezeichneten, ohne falsches Pathos auskommenden Inszenierung von Regisseur Raymond Ley: Fiktion, selbst eine so eng an den Erkenntnissen aus dem Verfahren angelehnte Fiktion wie diese, ist eben nicht Realität. Zusammen mit dem wirklich dokumentarischen Teil des Films entwickelt sie aber einen suggestiven Sog, als sei hier alles Fakt; dass so "ein völlig neues Bild der Ereignisse" entstanden ist (ARD-Eigenwerbung), mag ein wenig viel des Eigenlobs sein. Die Wahrheitsfindung obliegt dem Gericht, nicht dem Fernsehen. Es hätte nicht geschadet, mit dieser Sendung zu warten, bis die Justiz des Rechtsstaates ein Urteil gesprochen hat.

Schuss in der Nacht - Die Ermordung Walter Lübckes, Das Erste, 22.15 Uhr.

© SZ/tyc
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