Roger Willemsen:"Soap-Opera mit veränderten Mitteln"

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sueddeutsche.de: Na, aber immerhin wird dort noch wichtige Politik verhandelt.

Willemsen: Auch nur eingeschränkt. Das Fernsehen hat sich erst mal auf eine sehr leichte Zugänglichkeit in der Sprache, in der moralischen Beurteilung von Sachverhalten, in der Darstellung der Welt geeinigt. Afrika zum Beispiel, kommt nur noch vor, wenn es Krisen oder Seuchen gibt. Stattdessen ist der Schwulst der Interessen der nationalen Politiker vollkommen überrepräsentiert.

Die Berichterstattung simuliert, es sei wichtig zu wissen, wie die Wahl eines stellvertretenden DGB-Vorsitzenden ausfällt oder wie sich bestimmte Koalitionäre untereinander verstehen. Das ist Soap-Opera mit veränderten Mitteln. Man fragt andauernd nach der Chemie unter ihnen, also danach, ob die noch ihr Pausenbrot teilen und so. Das hat aber mit der Prägung der Lebenswirklichkeit durch diese Politiker nichts mehr zu tun.

sueddeutsche.de: Was Sie beschreiben, findet vor allem in Talkshows bei Sandra Maischberger und Reinhold Beckmann statt, oder?

Willemsen: Da muss man differenzieren: Sandra Maischberger erkennt Themen und guckt zu, welchen Reifezustand sie gerade erreicht haben, was an ihnen fruchtbar sein könnte und was problematisch. Das ist, wenn man Pech hat, ein Leitartikel für verteilte Rollen.

sueddeutsche.de: Und Beckmann?

Willemsen: Er macht eher den Versuch, den Politiker als Privatmann herauszupräparieren. Das ist im Grunde eine versteckt politische Anstrengung, weil man weiß, dass politisches Abstimmen durch Sympathie geleitet wird. Deshalb ist es für den Politiker eine politische Tat, sich als sympathischen Menschen darzustellen.

sueddeutsche.de: Das heißt, Politik findet im Boulevard statt?

Willemsen: Ja. Man muss sich klarmachen: Die Politik wird heute durch Frauke Ludowig gemacht. Wenn man jemanden abschießen will, Horst Seehofer etwa, dann findet das zum großen Teil im bunten Bereich statt. Das ist natürlich fatal. Und gerade bei Frau Ludowig ist der Rigorismus, mit dem über Personen gescharfrichtert wird, alles andere als harmlos. Die Klatschreporter agieren moralisch wie die Ayatollahs des Westens.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum sich Heidi Klums Papa vermutlich nach diesem Interview bei Roger Willemsen melden wird.

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